Foto: Martina Tscharner

Die Eitelkeiten bleiben im Tal

Es ist ein guter Sommer auf der Segantinihütte. Die vielen Sonnentage ziehen zahlreiche Gäste an, und ich habe als Hüttenbub anstrengende Tage hinter mir. Oft sind die Arbeitstage am Berg viel länger als während meinen Bürojobs unten im Tal. Trotzdem fühle ich mich nie wirklich gestresst sondern stets entspannt – höhenentspannt könnte man sagen.
 
Das mag daran liegen, dass ich „den schönsten Arbeitsplatz im Engadin“ habe, wie mir Gäste immer wieder etwas neidvoll sagen. Doch der schöne Ausblick allein macht noch nicht entspannt. Der wahre Grund ist, dass es am Berg viel weniger Stressquellen hat als im Tal.
 
Zum Beispiel haben wir auf der Segantinihütte nur einen kleinen Handspiegel zur Verfügung. Dieser liegt zuoberst auf einem Gestell in der Küche und ist meist ziemlich angelaufen vom vielen Gerstensuppen und Spiegelei kochen. Um kurz zu kontrollieren, ob keine Sonnencremeresten an der Nasenseite kleben, reicht er aus. Oft schaue ich tagelang gar nicht in den Spiegel, sondern verlasse mich auf meine Chefs, die mir sagen, wenn etwas an meinem Äusseren nicht passt, um vor die Gäste zu treten.
 
Nach einer Woche arbeiten und schlafen am Berg fallen mir die vielen Spiegel im Tal richtig auf. Plötzlich sind sie allgegenwärtig und so gross. Auf jeder Toilette begrüsst mich ein riesiges Ebenbild. Und auch Zuhause hängt ein Ganzkörperspiegel. Und schon erwische ich mich, wie ich mich im Detail betrachte. Sind die grauen Barthaare mehr geworden? Habe ich auf der Hütte abgenommen? Waren die Zähne vor einer Woche auch schon so gelblich?
 
Der Spiegel ist der Ursprung aller Eitelkeiten und jeden Morgen der erste Grund, um sich mit anderen zu vergleichen. Der daraus folgende Zwang sich ständig zu optimieren, ist vielleicht die unnötigste Stressquelle unserer modernen Gesellschaft. Immer schöner, stärker, makelloser. Was bringt uns das ausser viel Stress? Es ist ein Teufelskreis, der vom rein Äußeren weiter greift zu Besitztümern und Errungenschaften, die andere haben und du nicht. Und so gesellen sich Neid und Missgunst zur liebgewordenen Eitelkeit.
 
Weniger in den Spiegel zu schauen, kann eine echte Abhilfe sein. Und es ist erst noch viel günstiger als Antistress-Kurse, Yoga oder Floating im Salzwassertank.
 

Eine zweite Stressquelle, die es auf dem Berg nicht gibt, ist das Auto. Als ich neulich im Tal war, musste ich nach St. Moritz fahren, um beim Metzger Würstchen abzuholen. Was für ein Verkehr! Baustellen und Staus, über die Strasse rennende Leute, rücksichtslose Töfffahrer, riskante Überholmanöver. Ich habe mich richtig aufgeregt und war froh, das Auto wieder heil in der Garage geparkt zu haben. Jahrelang war dies tägliche Routine, und plötzlich merke ich, wie dich nur schon der Weg zur Arbeit in eine gestresste Grundstimmung versetzen kann. Was für eine Wohltat ist es, zum Arbeitsplatz wandern zu können.
 
Dass Eitelkeiten und Mobilität in unserer Gesellschaft stetig zunehmen, ist keine neue Erkenntnis. Aber diesen Sommer wurde mir bewusst, was für ungesunde Konsequenzen ein überoptimierter Lebensstil haben kann.
 
Zum Glück gibt es auch Gegentrends. Wandern zum Beispiel. Ich bin echt erstaunt, wie viele Hipster die Segantinihütte besuchen. Tief keuchend aber mit teuren Handtaschen und glatt gebügelten Hemden treten sie in die Hütte: „Zwei Cappuccini und ein Latte Macchiato, bitte!“ – „Sorry, wir haben nur Nescafe, dafür den besten der Welt.“ Und manchmal merken auch sie: Es ist besser, wenn die Eitelkeiten im Tal bleiben.

Franco Furger

Franco Furger, 1974 geboren, ist in Pontresina aufgewachsen. Er maturierte am Lyceum Alpinum Zuoz und tourte als Profi-Snowboarder um die Welt. Später liess er sich zum Journalisten ausbilden. Er arbeitete als freier Texter, Medienkoordinator bei Swiss Ski und Redaktor bei der Engadiner Post. In den vergangenen Jahren war er World Cup Organisator und Mediensprecher der Corvatsch AG. Im Sommer 2017 ist er als Segantini-Hüttenbub tätig und blickt von oben auf seine früheren Lebensstationen.

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1 Kommentare

Jürg Ganz Zürich

10. September 2017

Liebe Hüttenwarts

War mit meiner Frau letzten Freitag in der Chamanna Segantini. Eigentlich wollten wir nur im MM einkehren, denn wir sind keine grossen Berggänger. Doch dann kam in mir eine gewisse Unruhe auf, war ich doch vor 54 Jahren mit meinem Grossvater hier oben und wollte nochmals sehen wie die prächtige Aussicht auf einem wirkt. Wir wurden nach dem für uns strengen Aufstieg nicht enttäuscht. Wir danken auch für die äusserst freundliche und tolle Bewirtung.

Ihnen herzlichen Dank und eine gute Zeit

Jürg und Eliane