Bild: Dominik Brülisauer

People of Engadine: Der Snowboarder

Wenn man zwischen November und Mai im Engadin unterwegs ist, dann begegnet man früher oder später einem Snowboarder. Das ist so sicher, wie man im Internet auf einen Selbstdarsteller trifft oder im Darknet auf einen christlichen Familienpolitiker, der hier anonym ein paar alternative Identitäten ausleben möchte.

Unabhängig voneinander haben in den 1960er-Jahren die Amerikaner Tom Sims und Jake Burton an einem Brett herumgetüftelt, mit dem sie im Schnee surfen konnten. Wer schlussendlich tatsächlich der Vater des modernen Snowboards wurde, darüber streitet man sich heute in der Szene noch erbitterter als die Sunniten und die Schiiten um Mohammeds Erbe. Es gibt immer wieder verwirrte Snowboarder, die einen Vaterschaftstest fordern, um die Frage ein für alle Mal zu klären. Aber bis jetzt hat man komischerweise noch keinen Laboranten gefunden, der sich für so einen Blödsinn zur Verfügung gestellt hätte.

Jedenfalls hat das Snowboard einen unvergleichlichen Siegeszug gestartet und sich in den Skigebieten der Welt schneller verbreitet als die gehackten Nacktselfies von Jennifer Lawrence in den Asozialen Medien. Wenn du heute denkst, dass sich die Pegida übertrieben viel Sorgen um das Abendland macht, dann hast du nicht miterlebt, wie sich die alteingesessenen Ski-Puristen in den 80er und 90er Jahren gegen die Invasion der Snowboarder gewehrt haben. Snowboarder waren damals auf den Bergen so willkommen wie Harvey Weinstein als Laudator für die beste Hauptdarstellerin an den nächsten Oscar-Verleihungen.

Die abstrusesten Theorien wurden verbreitet. Snowboarder würden im Gegensatz zu den Skifahrern eher diagonal den Berg runterfahren. Dieses unangepasste Verhalten führe auf den Pisten zu Auseinandersetzungen, in deren Vergleich die Schlacht um Verdun ein herziger Zärtlichkeitenaustausch zweier betagter Faultiere in der Emophase war.
Ausserdem würden die Snowboarder auch mit ihrer Sprache die vorherrschende Kultur infiltrieren. Sie machen keinen Sprung über eine Schanze, sondern sie performen einen Jump, einen Air oder einen Trick über einen Kicker. Snowboarder fahren keine Rechts- oder Linkskurven, sondern machen Backside- oder Frontsideturns – und das Ganze am liebsten im Backcountry. Ein Salto ist ein Flip, ein Sturz ist ein Bail und wenn ein Snowboarder von einer Lawine erfasst und über einen Felsen gespült wird, so dass er am Abend mit gebrochenen Rippen an einen Blasenkatheter angeschlossen im Spital aufwacht und als Krönung sein Zimmer noch mit Boris Becker teilen muss, dann sagt er «Shit happens» und nicht «Verdammte Scheisse». Ja, bei der Benennung ihrer Manöver zeigen die Snowboarder mehr Kreativität als die Coiffeusen, die ihre Salons Haarmonie, Haara-Kiri, Haarald Schmidt, Haaribo, Haarlem Shake oder Studio-Haarison-Ford-als-Indiana-Jones-auf-der-Suche-nach-dem-goldenen-Schnitt taufen.

Ausserdem haben die Skifahrer darauf hingewiesen, dass in den Skigebieten die Skilifte die Skifahrer auf den Berg beförderten, damit diese auf den Skipisten runterfahren, ihre Skis im Skiständer versorgen, beim Aprés-Ski ein Skiwasser trinken und lauthals den Song «Schifoan» vom Skifahrer Wolfgang Ambros mitjohlen können. Mit anderen Worten: Die Berge waren bereits auf terminologischer Ebene so fest unter der Kontrolle der Skifahrer wie die russische Demokratie in den Händen von Wladimir Putin.

Aber schlussendlich haben die Verantwortlichen das Potenzial der Snowboarder doch noch erkannt. Die Zusammenstösse blieben aus, weil die Snowboarder die ganze Zeit im Tiefschnee unterwegs waren und die Pisten weniger beanspruchten als die kurzschwingenden Skifahrer. Im Gegensatz zu den betrunkenen Skifahrern waren die bekifften Snowboarder in der Gondel angenehm ruhig – jedenfalls solange sie nicht gerade darüber diskutierten, ob es eines Tages Hanfseilbahnen geben wird, warum man wohl als Schneesportler so auf Gras steht, wie gut es doch sei, dass man sie unter der Lawine auch mit dem Drogenhund aufspüren könne oder dass man seine Kinder eines Tages Ganja und Marihuana taufen wird.

Das Engadin wurde zum Hawaii des Snowboardens. Der Snowboarder fühlt sich im Engadin so wohl wie Gérard Depardieu im Weinkeller. Das liegt daran, dass das Engadin für alle etwas zu bieten hat – vom Anfänger bis zum Profi.

In den zahlreichen Engadiner Snowboardschulen lernt man in diversen Fächern alles, was man als Snowboarder drauf haben muss. In Biologie setzt sich der Snowboardschüler mit dem Thema Hanfanbau, Hanfernte und Hanfverarbeitung auseinander. Dass Whistler, Colorado oder das Engadin zu den Snowboard-Mekkas der Welt zählen, das lernt man in Geografie. Welche Kifferplätzchen im Engadin bequem mit dem Snowboard erreichbar sind, gehört ebenfalls zu diesem Fach. In Geschichte setzt man sich mit den Biografien von Engadiner Legenden wie Reto Lamm, Michi Albin, Daniel Sappa, Therry Brunner, Cla Mosca und und dem Geschwisterpaar Ursina und Christian Haller auseinander. Ausserdem erfährt man alles über die Kulturgeschichte des Hanfkonsums im Alpenraum. Im Fach Musik wird einem beigebracht, welche Punkbands einen am Morgen auf dem Weg zum Berg mit genügend Adrenalin versorgen, welche Hiphop-Vibes zu welchem Sessellift passen und welcher Bob-Marley-Song die Abendstimmung am besten unterstreicht, wenn man sich ein kleines Jointlein genehmigt, bevor man im Engadiner Sonnenuntergang die letzte Abfahrt in Angriff nimmt. In Mathematik lernt man, dass eine Fullpipe geteilt durch zwei eine Halfpipe ergibt, dass die Summe von einem Grab plus einem Grab ein Doublegrab ist und in angewandten Dreisätzen lernt man den Preis eines Gramms Haschisch zu berechnen, wenn man seinen Kilopreis kennt. Was man in Handarbeit lernt, kannst du dir ja jetzt auch vorstellen. 

Leute, die sich kein schönes Outfit leisten können oder sich für ihren Fahrstil schämen, die toben sich im Schutz der Dunkelheit bei einer Vollmondabfahrt aus. Die zahlreichen Hänge, Couloirs und Pillowlines zwischen Motta Naluns und Maloja lassen das Herz jedes Freeriders höher schlagen. Selbstverständlich trägt der literweise Konsum von Energy-Drinks ebenfalls zu seinem chronischen Herzrasen bei, aber trotzdem. Die Vollprofis wiederum trainieren ihre Skills in den zahlreichen Parks. Selbst ein Olympiasieger wie Iouri Podladtschikov lässt sich gern von der Engadiner Jugend inspirieren und ist froh darüber, dass er nur gegen Leute wie Shaun White, und nicht gegen einen durchschnittlichen Engadiner antreten muss.   

Ich selber bin übrigens auch ein begeisterter Snowboarder. Ein perfekter Run sieht für mich so aus: Am Morgen in aller Herrgottsfrühe um 13:00 Uhr aufstehen und versuchen eine Stunde später auf der Diavolezza aus der Gondel zu steigen. Dann in einer Straightline zum Kiosk, mit der linken Hand eine Tasse Cappuccino grabben, diese einen 900er tanzend auf die Terrasse transportieren, die untergehende Morgensonne geniessen und dabei ein nahrhaftes Parisienne-Frühstück rauchen, dann eine halbe Stunde später mit beiden Füssen auf dem Brett landen, in vollem Karacho die Piste runterspeeden, gute 52 Minuten später unten ankommen, bei der Talstation dynamisch die Bindung öffnen, vor dem Skiständer vom Brett jumpen, den Schwung mitnehmen, die Treppe rauf fliegen und oben im Restaurant meinen Lauf mit meinem Signature-Trick abschliessen: einem Frontside-Pizzaprosciuttofunghibestell-Rodeo-to-Kübelbierlifting-Onehander. Selbstverständlich spekuliere ich darauf, dass diese Disziplin eines Tages ebenfalls olympisch wird. 

Dominik Brülisauer

Dominik Brülisauer ist 1977 geboren und in Pontresina aufgewachsen. An der ZHDK in Zürich hat er Theorie für Kunst, Medien und Design studiert. Momentan arbeitet er als Werbetexter, Kolumnist und Schriftsteller in Zürich. Die Bücher «Schallwellenreiter», «Der wahre Liebeslebensratgeber» und «Leben kann jeder» sind im Handel erhältlich. Er besucht das Engadin heute noch regelmässig um im Pöstli Bier zu trinken, auf der Diavolezza zu Snowboarden und um seiner Mutter seine Wäsche abzugeben.

facebook.com/dominikbruelisauer/

 

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1 Kommentare

Thomas Seemann

11. November 2017

Wirklich witzige Kolumne, jetzt freue ich mich noch mehr auf die 2 Wochen Ferien über Weihnachten und Neujahr!

 

Einzig der Vergleich mit der Schlacht um Verdun ist völlig deplatziert; das gehört sich nicht, ist respektlos gegenüber den Gefallenenen und ihren Angehörigen sowie Nachfahren!