Am Berg trifft man auf so einige Gestalten!

Besondere Begegnungen am Berg

Als Trailläuferin bin ich anscheinend ein gern gefragter Touristenguide. Da ich überall auf den Wegen und kleinen Pfaden unterwegs bin, weiss ich natürlich Bescheid. So kommt es häufig vor, dass ich nach dem Weg gefragt werde, wie beispielsweise bei dieser Begegnung:

Ich komme vom Hahnensee runtergerannt und auf halber Höhe kommt mir eine in Cashmere gekleidete E-Bike-Gruppe entgegen. Ich denke noch, „mh, wo wollen die denn wohl hin?“, da spricht mich auch schon einer aus der Gruppe mit schwerem Atem an: „Geht’s hier zum Hahnensee?“, keucht er. Ich: „Ja, ja,-  da geht’s aber steil über einen felsigen Singeltrail rauf. Ich weiss nicht, ob das Eure E-Bikes schaffen! Wollt ihr denn wirklich zum Hahnensee?!“ Schweigen und Grübeln. „Äh, ja, also das ist doch dieser eine See, wo man so schön grillieren kann, oder?“, bekomme ich als Antwort. „Meint ihr vielleicht den Lej Marsch? Der ist ein Stück weiter unten und prima mit dem Bike zu erreichen!“, entgegne ich. Erleichterung springt mir aus den geröteten Gesichtern der Biker entgegen: „Ja, genau, Lej Marsch, da wollen wir hin! Nicht zum Hahnensee! Vielen Dank für die Auskunft!“ Bitteschön, das habe ich doch gerne gemacht und renne weiter in Richtung St. Moritz.

 Und das Highlight des Sommers kommt jetzt:

An einem wunderschönen Spätherbsttag wollte ich unbedingt nochmals am Lej Alv auf die Corviglia trainieren. Von St. Moritz renne ich also los und quere über die Skipisten und Wanderwege bis zum Höhentrainingssee. Diesen umrunde ich dann 10 Mal und mache mich danach doch recht ausgepowert auf den Rückweg. Als die Signalbahn-Bergstation in Sichtweite ist, freue ich mich schon, dass ich das Training bald geschafft haben würde. Von dort ist es ja nur noch ein Katzensprung bis nach St. Moritz Bad. An der Bergstation wirbelt allerdings eine etwas ältere Dame auf mich zu und spricht mich an: „Hallo, hallo, entschuldigen Sie! Sie kommen doch von da oben! Da haben Sie bestimmt meine Freundin Gisela gesehen, oder? Ich warte hier schon seit drei Stunden und habe heute einfach keine Kraft, um weiterzuwandern. Könnten Sie nicht schnell da den Berg nochmals hochlaufen und ihr Bescheid sagen, dass ich hier auf sie warte?“ Ich schaue sie nur schräg an und suche noch nach der „Versteckten Kamera“. Aber der verzweifelte und erschöpfte Gesichtsausdruck dieser Dame scheint wirklich nicht gespielt zu sein. „Ok, ich renne mal los und schaue, ob ich sie finde“, höre ich mich nur sagen und muss innerlich doch schon auch etwas schmunzeln. Die ersten Meter jogge ich noch, doch schon schnell macht sich das intensive Bergtraining in meinen Muskeln bemerkbar und so wechsle ich in ein schnelles Wandertempo. Ich steuere querfeldein die Alp Giop an, da ich die Dame dort vermute. Doch an der Alp Giop ist niemand zu finden und erst als ich den Berg mit meinen Augen absuche, entdecke ich Gisela (Name geändert) ebenfalls querfeldein die Wiese hochstapfend. Aus voller Kehle rufe ich zu ihr rüber, dass ihr Freundin Roswitha unten an der Signalbahn auf sie warten würde und sie doch bitte zu ihr kommen soll. Ich denke noch, dass das ja jetzt ein schnelles Suchen und Finden gewesen ist und will mich schon wieder auf den Rückweg machen. Doch da bemerke ich, dass sich Gisela überhaupt nicht in Bewegung setzt! Sie macht keine Anstalten, in meine Richtung zu kommen. Auf mein erneutes Rufen reagiert sie wieder nicht. Ok, denke ich, wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, dann kommt der Prophet halt zum Berg. Ich erkläre Gisela in aller Ruhe das Geschehen und mache sie darauf aufmerksam, mir doch jetzt bitte zu folgen, damit sie ihre Freundin wiedertreffen könnte. Mehr oder weniger widerwillig setzt sich Gisela endlich in Bewegung und erklärt mir ausführlich, dass sie mit ihrer Freundin doch oben am Berg verabredet war. Irgendwie hat sie wohl nicht ganz verstanden, dass ihre Freundin einfach fix und fertig ist und ihr nicht mehr folgen kann. Wir durchqueren zusammen die Wiese und schon bald haben wir freie Sicht auf die Signalbahn. Dort steht Roswitha und winkt uns mit wilden Armbewegungen zu. Letzte Zweifel sind bei Gisela gewichen und sie geht nun zielstrebig den Wanderweg entlang. Als ich mich dann verabschieden will, meint sie: „Das war jetzt aber wirklich sehr freundlich von Ihnen, dass Sie hier extra hinter mir hergelaufen sind. Schauen Sie mal hier in meinen Rucksack, da habe ich noch etwas angeknabberte Schokolade. Die würde ich Ihnen gerne schenken!“ Dankend lehne ich ab und murmele noch etwas von „gern geschehen,... keine Umstände... auf Wiedersehen!“ Unten bei Roswitha angekommen leiste ich Rapport. Roswitha ist sichtlich erleichtert und fragt mich: „In welchem Hotel wohnen Sie? Ich würde dort gerne etwas für Sie als Dank hinterlegen!“ Daraufhin ich: „Oh, ich wohne und lebe hier und das habe ich doch jetzt wirklich gerne gemacht. Keine Ursache. Ausserdem war ich ja eh gerade im Training!“ Roswitha schaut mich prüfend an: „Ja, wissen Sie, ich habe ja eigentlich gedacht, dass Sie da schneller hochlaufen würden. Sie sahen so sportlich aus! Aber Sie waren ja gar nicht so schnell! Aber trotzdem, nochmals vielen Dank!“

Jetzt ist es wirklich an der Zeit, das Feld zu räumen und die beiden Damen wieder sich selbst zu überlassen, denke ich und spurte die Piste runter bis ins Tal. Was man nicht alles am Berg erlebt!

Fortsetzung folgt! 

Anne-Marie Flammersfeld

Anne-Marie Flammersfeld ist Diplom-Sportwissenschaftlerin und Ultraläuferin.

2012 konnte sie als erste Frau der Welt alle vier Rennen der "Racing the Planet 4 Deserts Serie" gewinnen und lief 1000 Kilometer die vier grössten Wüste der Welt. Seitdem sucht sie immer wieder neue sportliche Herausforderungen im Wettkampf und in eigenen Projekten, wie „Bottom Up Seven Volcanic Summits“. 2015 konnte sie u.a. einen neuen weiblichen Speed-Run-Weltrekord auf den Kilimandscharo aufstellen. Zudem hält sie weitere Streckenrekorde u.a. beim Nordpol,- und Volcanomarathon.

Mit ihren Wettkämpfen unterstützt sie die Stiftung „Paulchen Esperanza“, die sich für benachteiligte Kinder in Schwellenländern einsetzt.

Die 37 jährige deutsche Sportlerin arbeitet mit ihrem eigenen Unternehmen all mountain fitness als Personal Coach im schweizerischen St. Moritz. Sie hält regelmässig Vorträge zu Themen aus den Bereichen Motivation, Begeisterung, Erfahrung sammeln und Grenzen überwinden.

www.allmountainfitness.ch

annemarieflammersfeld.blogspot.com

 

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