Foto: Gianna Olinda Cadonau

Dranbleiben

Manchmal überkommt mich eine grosse, allumfassende Müdigkeit. Ja ok, ich weiss, möglicherweise holen Sie jetzt gerade Luft um zu seufzen: Noch eine, die öffentlich über ihre Erschöpfung lamentiert, obwohl sie todsicher weiss, dass sie nur genug schlafen und viel Wasser trinken müsste. Na gut, pardon, ich versuchs noch mal: Manchmal wird alles anstrengend – und die einzige Rechtfertigung hier weiterzuschreiben ist eine Unterstellung. Nämlich, dass es dem einen oder der anderen Bloglesenden dann und wann ähnlich geht. In der Hoffnung, dass Sie mir diese Unterstellung verzeihen, mache ich hier mal weiter. 

Es gibt also diese Phasen, in denen ganz normalen Dinge, wie Einkaufen, SMS beantworten, einen Termin in die Agenda eintragen, die Post durchschauen viel anstrengender sind als sie sollten. Es gibt immer eine Erklärung für diese Müdigkeit. Januar, Frühling, Wetter, Eisen, Schlaf und andere Mangel. Ich weiss auch, dass sie jedesmal wieder vorbeigeht, das fühle ich jeweils ca. zehn Tage bevor sie das dann wirklich tut. Ich denke dann plötzlich wieder daran, regelmässiger schreiben zu wollen, habe plötzlich wieder das Gefühl, ich müsse mehr auf mein Äusseres achten, ein bisschen Lidschatten vielleicht, mal wieder Lippenstift, auch schon am Morgen.

Bevor das passiert, weiss ich, dass sie kommen wird, diese Vorahnung, die Müdigkeit würde enden. Auch wenn sich noch nichts tut, diesbezüglich. Auch wenn alles noch dumpf ist und ich mich frage ob es wirklich, so wirklich wirklich Sinn macht, was ich tue. Auch wenn ich mich nur danach sehne endlich so lange zu schlafen, bis ich ein für alle mal nicht mehr müde bin. So lange dieser Zustand aber nicht erreicht ist, versuche ich dranzubleiben. Mit Disziplin versuche ich, die Arbeitsmoral intakt zu halten, wohlwissend, dass gerade das kaum mit Disziplin zu erledigen ist, dafür aber die Arbeit selbst, das ist auch was Wert. Ich melde mich in unverdächtiger Regelmässigkeit bei meinen Freunden – auch das, gar nicht so einfach –verhalte mich so, wie man mich kennt und schätzt und lasse mir wenn möglich meiner Familie gegenüber nichts anmerken. Sie können nichts dafür. Niemand ist schuld. Das geht vorbei. Für irgendwas muss dieses ansozialisierte Schamgefühl ja gut sein. 

Manchmal aber werde ich auch aufgeweckt. Wenn ich z. B. lese wie Haruki Murakami seinen Protagonisten eine einfache Mahlzeit zubereiten lässt. Schon nur dieser Ausdruck, eine einfache Mahlzeit zubereiten. Da klingt Ordnung, Ruhe und Klarheit mit. Wenn er dann noch beschreibt, wie der Tofu in Würfel geschnitten wird, das Gemüse geputzt und der Fisch bereitgelegt, komme ich regelmässig zum Schluss, dass auch bei mir im Grunde alles in Ordnung ist, dass auch mein Alltag aus Tofuwürfel, einem Chinakohl und vielleicht einem Fischfilet besteht, die ich nur in aller Ruhe und mit etwas Miso zubereiten muss. Und währenddessen, da mitten drin, gibt es wieder Platz zum denken.

Oder ich höre einen Walzer namens «Olga an der Wolga», dessen zugleich sehnsüchtige und leichte Melodie mich an etwas erinnert, das ich vergessen habe, wovon ich nur noch weiss, dass es schön war und kostbar. Der Titel, mit dem die Komponistin Cristina Janett das Stück versehen hat lässt mich lächeln, vielleicht wegen des Reims, der hier nicht so verbreiteten Wörter. Und jedesmal überlege ich, wer diese Olga ist, auf wen sie an der Wolga wartet – in meiner Vorstellung wartet sie immer – wie lang und wie sehr. Dann denke ich daran, was für unerwartete Dinge so ein Walzer in Gang bringen kann und bin gleich viel wacher und konzentrierter.

Mit der Zeit wird es auch einfach langweilig, ständig müde zu sein, dazu wenn möglich auch noch hartnäckig erkältet und überarbeitet. Ständig nur schlafen zu wollen und dann doch Netflix zu erliegen, oder ohne jedes Mass Krimis zu verschlingen nur um am nächsten Morgen noch müder zu sein. Es nervt mit der Zeit. Also, dranbleiben, oder aufwachen.

Gianna Olinda Cadonau

Gianna Olinda Cadonau (*1983) befasst mich mit Kunst und Kultur. Die romanische fördert sie als Kulturverantwortliche bei der Lia Rumantscha, die Graubündnerische als Mitglied der kantonalen Kulturkommission und diejenige für die kleine Bühne als Co-Leiterin des Kulturorts La Vouta, Lavin. Schreibend, singend und Butoh tanzend gibt sie sich ihr auch selbst immer wieder hin. Zwischendurch und währenddessen lebt sie mit ihrer Familie in Chur.

Foto: Yanik Bürkli, Bündner Tagblatt

 

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1 Kommentare

Gisela Göttmann

24. Januar 2018

liebe Gianna,

schön auf den Punkt gebracht... Ich frage mich auch schon die ganze Zeit, wann diese Müdigkeit ein Ende hat - aber vor allem wo sie herkommt. Die Nächte sind einfach zu kurz und die Tage sowieso. Aber jetzt, wo die Sonne auch in Chur wieder am Himmel steht, wird es ganz sicher ganz bald besser... und wir schlafen mal richtig aus... herzlich gg