Bild: Dominik Brülisauer

People of Engadine: Der Schlittler

 

Wenn man im Winter im Engadin unterwegs ist, begegnet man früher oder später einem Schlittler. Das ist so sicher, wie man auf der Langlaufloipe auf Spaziergänger trifft oder auf den Skipisten auf Tourengänger, die den Sinn und Zweck von Skitouren total missverstanden haben. Diese Tourengänger werden übrigens nicht selten unfreiwillig ebenfalls zu Schlittlern – zu Rettungschlittlern, um genau zu sein. Mit erschüttertem Hirn und im orangen SOS-Schlitten fest fixierten Körper regen sie sich dann über diesen Geisterskifahrer auf, der komischerweise die Piste runtergefahren und völlig überraschend aus dem Nichts aufgetaucht und in ihn reingeknallt ist. Lernen diese Leute denn nie, dass man extra eine Seilbahn gebaut hat, um nach dem Pistenaufstieg sicher vom Berg wieder runterzukommen?

Abgesehen vom Rettungsschlitteln macht Schlitteln aber Spass. Alles, was man dazu braucht, ist ein Hügel, genügend Gravitation und einen rutschbaren Untersatz. Das Schlittenspektrum ist riesig. Budgetbewusste Punks schlitteln auf einem 30-Rappen-Plastiksack aus dem Denner, Snobs ausschliesslich auf einem original Davoser-Schlitten mit Edelstahlkufen, Edelholzkonstruktion und einem wärmendem Edeltierfellüberzug zur Wärmung seines Edelhinterns.

Das geilste Gefährt, mit dem ich je unterwegs war, war mein Bob im Knight-Rider-Look. Er war schwärzer als das Herz eines norwegischen Black-Metal-Satanisten oder die Lunge des Marlboro-Manns. Der Bob bestach durch eine praktische Handbremse, ein Formel-1-Lenkrad und ein Scheinwerflerlicht für meine nächtlichen Schlittelmissionen. Eigentlich fehlten ihm nur noch ein Airbag, ein Navigationsgerät, eine Autobahnvignette, ein Motor, vier Räder, ein Boardcomputer, der meine Hausaufgaben erledigt hätte, und natürlich eine Armbanduhr, mit dem ich ihn jederzeit hätte rufen können.

Der Bob war ein Weihnachtsgeschenk meiner Eltern als ich ungefähr elf Jahre alt war. Mit diesem Flitzer fühlte ich mich unbesiegbar. Wie David Hasselhoff als Michael Knight wollte ich mit meinem Gefährt Verbrecher verfolgen und für Ruhe und Ordnung sorgen. Doch leider lag die Verbrecherrate in Pontresina bereits damals unter derjenigen des Auenlandes und im Dorf herrsche auch mehr Ruhe und Ordnung als während einem japanischen Selbstmordritual. So musste ich mich gezwungenermassen darauf beschränken, ganz herkömmlich mit meinen Freunden Rennen zu fahren und im Schnee Spass zu haben – das harte Los eines typischen Engadiner Jugendlichen.

Wer seinen Schlitten nicht selber den Berg hinauftragen möchte, um oben angekommen endlich die potenzielle Energie in kinetische Energie umzuwandeln, kann auf die Muottas-Muragl-Bahn oder ins Albulatal ausweichen. Auf der im Winter geschlossenen Passstrasse zwischen Preda und Bergün befindet sich die längste beleuchtete Schlittelbahn Europas. Die Bahn überzeugt durch geilere Kurven als Kate Upton und sie geht steiler runter als die Karriere von Steve Bannon – dieser wurde mittlerweile sogar von einem Online-Mag gefeuert, was ja noch nie jemandem passiert ist.
An guten Tagen rast man zwischen Preda und Bergün auf reinstem Glatteis in den Abgrund. In den Engpässen wird untalentierte Biomasse biomassenweise aus dem Genpool in die Schlucht katapultiert. Neben den 180-Grad-Kurven stapeln sich die von der Bahn ausgekotzten Schlittler meterhoch. Drei Mal täglich werden die glücklosen Schlittler schön sauber von den Brückenpfeilern und Stützmauern abgekratzt – schliesslich gehört hier die RhB-Strecke neben, unter und über der Schlittelbahn zum UNESCO-Weltkulturerbe.
Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie früher meine Primarschullehrer jeweils bleich angelaufen sind, nachdem sie erfahren hatten, dass wir am Sporttag nach Preda-Bergün zum Schlitteln fahren. Es wäre ihnen wesentlich lieber gewesen, sie hätten mit uns Schülern Basejumpen, Lawinensurfen oder zum Steinbockrodeo gehen dürfen – sie hätten am Abend wesentlich mehr Schüler unversehrt ihren Eltern zurückliefern können.

Fortgeschrittene schlitteln zwischen St. Moritz und Celerina im Olympia Bob Run – der einzigen Naturbobbahn der Welt. Wenn man mit dem Mono-, Zweier- oder Viererbob durch den Eiskanal rast, beobachtet man nicht die schöne Landschaft, sondern man lässt höchstens sein Leben vor dem inneren Auge vorbeiflimmern. Dabei denkt man zurück an seinen Physikunterricht und versucht sich daran zu erinnern, ob es die Zentripetal- oder die Zentrifugalkraft ist, die einem momentan den Magen umdreht. Oder man fragt sich, ob ein Vater am Bobbahnrand gerade anhand seiner Todesschreie seinem Kind den Dopplereffekt erklärt, wenn man mit 130 Sachen an ihnen vorbeifliegt. Im weltberühmten Horse-Shoe wird der Bob mit seinem fünffachen Gewicht gegen die Wand gedrückt. Es gibt Leute, die hier zu einer Frisbee-Form zusammengestaucht werden. Diese Opfer werden im Zielgelände aus dem Bob gespachtelt und im Restaurant Cresta-Run als Pizza Inerzia serviert.

Falls du diesen Spass auch mal erleben möchtest, kannst du eine Taxifahrt buchen. An deiner Stelle würde ich mich hier aber tatsächlich auf einen lokalen Anbieter verlassen. Wenn du das Gefühl hast, du solltest hier aus Preisgründen mit einem Uber-Bob runterbolzen, musst du dich nicht wundern, wenn du schon bald Bekanntschaft mit dem lokalen Förster machst, der deinen Körper aus einem Baum heraussägen darf.

Leute, die mit ihrem Schlitten nicht nur einen Berg runterfahren, sondern sich auch im Flachen fortbewegen möchten, die spannen Hunde vor ihre Gefährte und cruisen doggystyle durch die Engadiner Winterlandschaft. Eine Hundemarke, die sich dazu hervorragend eignet, stammt aus dem Hause Husky. Diese Modelle sind ausdauernd und fühlen sich bei uns im Schnee und in der Kälte pudelwohl respektive huskymunter. It-Girls wie Paris Hilton oder Luca Hänni hätten es zwar lieber, wenn man Modehunde wie Chihuahuas vor den Schlitten spannen würde. Aber das ist gar nicht mal so einfach. Nach meiner Rechnung braucht man 12'496 hochmotivierte Chihuahuas um auf die gleiche Leistung zu kommen, die sechs durchschnittliche Huskys abliefern. Das wäre nicht nur extrem unpraktisch, sondern man wäre wohl auch die meiste Zeit damit beschäftigt die Auswürfe seines Rudels einzusammeln.

Auch andere Hunde liefern mehr Nachteile als Vorteile. Mit einem English-Foxhound-Gespann rast man jedem Fuchs hinterher, mit Dobermännern jedem hilflosen Kindergärtner und mit Drogenhunden jedem Snowboarder, der irgendwo im Tal rumlümmelt. Am wenigsten empfehlenswert sind die Bernhardiner. Die ziehen einen ganz gemütlich zur nächsten Bushaltestelle und warten dort auf das Postauto.

Aber der Husky hält keine Monopolstellung beim Schlittenziehen. Er muss sich das Geschäft mit den Pferden teilen. Es gibt wohl kaum etwas Romantischeres, als sich mit zwei PS in einer Kutsche in ein Engadiner Seitental ziehen zu lassen. Es riecht nach Stall, unter der warmen Decke kann man das Händchen seines Lieblingsmenschen halten und dabei den bimmelnden Glöckchen des Geschirrs und dem Fluchen des Kutschers lauschen. Nebenbei kann man noch darüber philosophieren, warum man die Kacke von Pferden Pferdeäpfel nennt. Würde diese Art von Euphemismus auch bei den Restprodukten von Kernkraftwerken funktionieren? Wenn man anstatt von Atommüll von Strahlobst oder Energiemandarinen reden würde, wären Gemeinden bestimmt eher bereit, diesen bei sich zu lagern. Ich wünsche viel Schlittelspass.

Dominik Brülisauer

Dominik Brülisauer ist 1977 geboren und in Pontresina aufgewachsen. An der ZHDK in Zürich hat er Theorie für Kunst, Medien und Design studiert. Momentan arbeitet er als Werbetexter, Kolumnist und Schriftsteller in Zürich. Die Bücher «Schallwellenreiter», «Der wahre Liebeslebensratgeber» und «Leben kann jeder» sind im Handel erhältlich. Er besucht das Engadin heute noch regelmässig um im Pöstli Bier zu trinken, auf der Diavolezza zu Snowboarden und um seiner Mutter seine Wäsche abzugeben.

facebook.com/dominikbruelisauer/

 

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