Foto: Romana Ganzoni

Vom Ernst der Lage

Kürzlich schritt ich in Leipzig über den ehrwürdigen Augustusplatz, ein Ort der Zivilcourage und des Widerstands, der die Schreitende aufrichtet im Andenken an die legendäre Montagsdemonstration gegen das SED-Regime, die auf die ganze ehemalige DDR ausstrahlte. Ich schritt zum Konzert im Gewandhaus, Grosser Saal, 1900 Sitzplätze. Das Gewandhausorchester feiert gerade ein Jubiläum: 275 Jahre. Auch die Oper liegt am Platz, gleich gegenüber, ein Musikhaus in der Tradition von über 300 Jahren. 1693 wurde das erste Opernhaus am Brühl als drittes bürgerliches Musiktheater Europas eröffnet.

Augustusplatz heisst viel Musik, viel Mut, aber auch viel Arbeit und viel Ernst. Das von Bankiers 1927/28 in Stahlbeton an der Westseite des Augustusplatzes errichtete Hochhaus stimmt darauf ein: omnia vincit labor (Arbeit überwindet alles), steht 40 Meter über mir unterhalb des Schlagwerks, das aus drei Glocken besteht. Dass das ernst zu nehmen ist und als gute Einstimmung auf das Konzert gelten darf, wird später der Wahlspruch an der Orgelempore über dem Spieltisch des Grossen Saals bestätigen: res severa verum gaudium (ernste Sache – wahre Freude), ein abgewandelter Satz von Seneca, er belehrt die Zuhörerin über den wahren Geist der Freude. Über der Moral imponiert, wie eine Waffe, das riesige Schleifladen-Instrument mit über 91 Register (6.845 Pfeifen) auf vier Manualen und Pedal, Stahl-Raketen, sie zielen nach oben, nach unten oder geradeaus, auf mich, gewaltig. Diese Orgel wirkt mehr als wehrhaft.

Also: Viel Wehrhaftigkeit, viel Musik, viel Mut, viel Arbeit, viel Ernst. Das passt zu dieser kräftigen Stadt, zu Bach, der in der nahen Thomaskirche begraben liegt, wo er ab 1723 als künstlerischer Leiter wirkte, das passt zu Bürgersinn, Reformation und Kapitalismus (sowie zum Kommunismus mit seiner heftigen Arbeitsneurose).

"Der Mensch ist zur Arbeit geboren wie der Vogel zum Fliegen", predigte Martin Luther, "Müssiggang ist Sünde wider Gottes Gebot, der hier Arbeit befohlen hat". Kein Wunder, befeuerte die Reformation moderne Lohnarbeit und Kapitalismus. Leipzig spielte für deren Fortgang eine gewichtige Rolle, Martin Luthers zentrale Disputation mit der Katholischen Kirche fand hier statt, die Folgen der Reformation bescherten Leipzig ungeahnten Aufschwung, worin auch Freiheit lag. Und irgendwann kam das Jahr 1989. Gewandhauskapellmeister Kurt Masur öffnete das Haus für die öffentlichen Gewandhausgespräche als politische Plattform der DDR-Opposition.

Der Ernst der Lage wirkte auf mich ein, als ich, umgeben von nüchternem Pathos, in Reihe 14 Platz nahm, um Geschichte und Qualität wissend sowie um die hervorragende Akustik - der Saal war mehrere Male mit Soldaten der NVA (Nationale Volksarmee) besetzt worden, um sie bei voller Auslastung zu testen.

Nun trat der Konzerthaus-Boss auf die Bühne. Nicht nur der sehr sehr bekannte Dirigent werde von einem sehr bekannten Dirigenten vertreten (das Paar vor mir sagt: „Oh je, jetzt ist der Arme auch noch krank, als hätten seine Eheprobleme nicht gereicht“), was das Programm ändere. Anstatt Beethoven-Prokofiew-Prokofiew, jetzt also Britten-Beethoven-Rachmaninow. Und leider sei auch der Top-Top-Pianist erkrankt, eine Grippe, nun sei der Top-Pianist namens Eüawe Jüwfnawoifj oder Öraefajökull (kann mich nicht erinnern) eingesprungen. Der Name klang vielverprechend. Der Mann hinter mir: „Schau mal, Trude, da drüben sitzt der Schröder.“ Die Frau staubtrocken: „Ach, was, der Schröder geht doch nicht ins Theater, Herbert.“

Nun setzte die Ouvertüre von Benjamin Britten ein, der Komponist, der dieses wahnsinnige War-Requium geschrieben hatte, und hier ging es auch ab, schlimmer als Iron Maiden, The Number oft he Beast wirkt wie ein Gutenachtlied für Neugeborene gegen die 5000 Streicher, ein Höllenkrach, die E-Musik-Besucher, die, wie ich, auf omnia vincit labor and no fun eingestimmt sind, zucken nicht mit der Wimper, als dieser Skandal gegeben wird. Ihr kultivierten Menschen, das ist Sound from Hell! Was ist los mit Euch?

Eben wurde dem geschätzten Publikum noch gesagt, man solle keine Geräusche machen und die Mobiltelefone ausschalten, jetzt könnte jemand röhren wie ein Hirsch oder eine Konferenzschaltung machen, kein Mensch würde irgendetwas hören. Krasse Emotionen. Das Publikum sitzt bockstill, die 1900 Sessel bis auf den letzten Platz besetzt. Halt! Da sind zwei Sessel frei, und, als hätte es der Teufel gehört, kommen zwei Nachzügler nach Britton und vor Beethoven (1. Klavierkonzert, übrigens) hineingetrippelt und geschlichen, sie setzen sich hin, die Frau trägt knallrote Stiffeletten und glänzende Leggins, er hat einen Bauch wie eine Sprungschanze, und ich weiss sofort, ihr Intimleben ist auf YouTube einsehbar, ich weiss es einfach und freue mich.

Der Pianist ist toll, er trägt ein viel zu grosses Jacket, das aussieht wie ein Frack, immer, wenn er zu spielen aufhört, zieht er die Hände zurück, als hätte seine Mutter gesagt: „Finger ab dr Röschti!“ Sein Spiel ist Klasse, der Applaus reisst nicht ab, ich schliesse mich einer Dreiergrupppe an, die aufsteht, der schlaksige Typ neben mir steht auch auf, sonst niemand. Ist mir egal. Ich möchte Bravo rufen und Blumen werfen, ich wollte mitsingen, mitgewippt habe ich. Was ist los, jetzt wie verrückt in die Hände klatschen, das nennt man wohl Zivilisation, ich bin beeindruckt, verstehen tu ich’s nur im Ansatz.

Jetzt spricht Eüawe Jüwfnawoifj oder Öraefajökull – sein Deutsch: geschliffenes Standard-Deutsch, das Ehepaar hinter mir ist entsetzt. „Waaas, ein Deutscher?“, raunt die Frau. Mir scheint, sie wurde jäh aus ihrem Genuss gerissen, für einen Moment hatte sie vorhin wohl ganz vergessen, dass es hier um Arbeit und Ernst geht. Ich habe es längst vergessen, aber es wird mir spätestens auf dem Augustusplatz wieder einfallen.

Romana Ganzoni

Romana Ganzoni ist Autorin. 1967 auf die Welt gekommen. Kindheit und Jugend in Scuol, dann Zürich und London. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Celerina. 20 Jahre Lehrerin am Gymnasium. Literarische Publikationen ab 2013. Erzählungen, Gedichte, Essais, Kolumnen. Nominiert für den Bachmannpreis 2014. Gewinnerin Essay-Wettbewerb Berner Bund 2015. Werkbeitrag Kanton Graubünden. Erzählband „Granada Grischun“ bei Rotpunkt, Zürich (2017).

Neuer Kommentar
Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Die E-Mailadresse wird hier nicht veröffentlicht.

0 Kommentare