Trailrunning in Bella Italia, oder: wo ist der Wanderweg?

Es war einmal in Finale Ligurien

Und plötzlich waren alle weg. Und dann tauchten sie auf den Social Media Kanälen alle wieder auf. Sie lagen am Strand, schnorchelten im Meer oder posierten vor berühmten Sehenswürdigkeiten der Welt. Sie waren einfach alle in den Maiferien! Und ich hatte es verpasst. Ich hatte mir einfach keine Ferien eingetragen. Und jetzt sass ich da in der Schneeschmelze und beobachtete, wie die Murmeltiere die Herrschaft über die Corviglia übernahmen. Fieberhaft überlegte ich, wohin ich noch reisen könnte. Tarifa, Sardinien, oder vielleicht doch nach Sizilien auf den Ätna? Ich wollte auf alle Fälle ans Meer. Ich wollte Weitblick! Kurzerhand trommelte ich ein paar Freundinnen zusammen, steckte alle ins Auto und los ging es in Richtung Italien. Für 4 Tage wollten wir die Trails rund um Finale Ligurien erkundigen. Nicht, dass ich noch nie in Finale gewesen wäre... klettern, biken... alles schon gemacht. Nur zum expliziten Trailrunning bin ich noch nie dort gewesen. Mit der puren naiven Überlegung, dass die Wanderwege in Ligurien bestimmt genauso gut ausgeschildert sind, wie in der Schweiz, machten wir uns am ersten Tag direkt auf den Weg. Immerhin hatten wir noch eine Wanderkarte mit Massstab 1:50000 dabei, auf der zumindest die grössten Wanderwege eingezeichnet waren. Und die kann man ja schlecht verfehlen, dachte ich. Nach den ersten drei Kilometern kam dann auch der erste Wegweiser mit lustigen geometrischen Formen. Striche, Punkte und Dreiecke zeigten lauter Wege an, die nicht auf der Karte waren. Wir liefen dem Dreieck hinterher und landeten nach einem gut 25 minütigen, steilen Anstieg auf einem grandiosen Aussichtspunkt. Der Weg schlängelte sich einmal um einen grossen Felsblock und ging auf der anderen Seite wieder runter bis zum Ausgangspunkt. Ok, dem Dreieck folgten wir ab sofort nicht mehr, sondern wählten, in der Hoffnung für ein zügiges Vorankommen, die Markierung mit zwei Strichen und Punkt. Nach einigen laufbaren Kilometern fanden wir uns dann in einem Dschungel aus kleinen Pfaden, Mountainbiketrails und undefinierbaren Wegen wieder. Nach einer Weile des Herumirrens (vor, zurück, hoch, runter) trafen wir eine grosse Gruppe Mountainbiker, die alle fully dressed an einer Rampe standen, die wir gerade hochlaufen wollten! Die Jungs schauten uns an, als ob wir direkt aus dem Weltall kommen würden und fragten, ob wir unsere Bikes vergessen hätten. Der Guide konnte uns mit unserer Wanderkarte auch nicht wirklich weiterhelfen, gab uns aber den Tipp mit auf den Weg, nicht auf den Mountainbiketrails zu laufen, weil es dort sehr gefährlich für uns werden könnte. Wie witzig: wenn wir schon nicht den Wanderweg ausfindig machen konnten, wie sollten wir dann erkennen, dass wir uns auf einem Mountainbiketrail befanden? Die Jungs wünschten uns noch viel Glück und verschwanden dann in einer Staubwolke. Wie drei verschreckte Rehe liefen wir fortan mit äusserster Vorsicht über die Wege und kamen auch irgendwann an unserem Ziel an, nachdem wir bestimmt dreimal den falschen Abzweiger genommen hatten, und zweimal eine Strecke wieder nach oben laufen (und somit 800 Höhenmeter mehr auf dem Tacho hatten) mussten. Am Ende des Tages waren es 45 Kilometer und 2700 Höhenmeter. Von der Zeit möchte ich nicht sprechen, die war desaströs.

Was aber am Ende bleibt, ist das gute Gefühl. Die erschöpfte, wohlig und aufgedrehte Empfindung, etwas aus eigener Kraft geschafft zu haben! Frei nach dem Motto: Es lohnt sich immer auf den Berg zu gehen!

Die drauffolgenden Tage verliefen ähnlich und noch schlimmer, aber wir haben es immer irgendwie geschafft. Die Wanderkarte war am Ende total zerrissen und zu nichts mehr zu gebrauchen. Bella Italia, du kannst zwar gut Pizza und Gelato machen, aber mit den Wegweisern kannst du von der Schweiz noch einiges lernen!

Zurück in der Schweiz lachten mich die gelben Wanderwegweiser sofort fett und breit an. Ach, es ist doch immer wieder schön, zurück ins Engadin zu kommen!

 

 

Anne-Marie Flammersfeld

Anne-Marie Flammersfeld ist Diplom-Sportwissenschaftlerin und Ultraläuferin.

2012 konnte sie als erste Frau der Welt alle vier Rennen der "Racing the Planet 4 Deserts Serie" gewinnen und lief 1000 Kilometer die vier grössten Wüste der Welt. Seitdem sucht sie immer wieder neue sportliche Herausforderungen im Wettkampf und in eigenen Projekten, wie „Bottom Up Seven Volcanic Summits“. 2015 konnte sie u.a. einen neuen weiblichen Speed-Run-Weltrekord auf den Kilimandscharo aufstellen. Zudem hält sie weitere Streckenrekorde u.a. beim Nordpol,- und Volcanomarathon.

Mit ihren Wettkämpfen unterstützt sie die Stiftung „Paulchen Esperanza“, die sich für benachteiligte Kinder in Schwellenländern einsetzt.

Die 37 jährige deutsche Sportlerin arbeitet mit ihrem eigenen Unternehmen all mountain fitness als Personal Coach im schweizerischen St. Moritz. Sie hält regelmässig Vorträge zu Themen aus den Bereichen Motivation, Begeisterung, Erfahrung sammeln und Grenzen überwinden.

www.allmountainfitness.ch

annemarieflammersfeld.blogspot.com

 

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1 Kommentare

Thomas

30. Mai 2018

Vor einigen Jahren haben wir eine ähnliche Erfahrung gemacht. Wenn man eine Karte hat, wo diese Markierungen ebenfalls eingezeichnet sind, geht es einigermassen. Bei der Kreuzung von mehreren Wanderwegen kann es ein Abenteuer sein, den Richtigen weg zu erwischen.

Gruss Thomas