In St. Moritz lässt sich immer ein gutes Fotosujet finden.

Lassen wir den Mai, wie er ist

Neulich hatte ich Besuch. Es war ein wechselhaftes Mai-Wochenende. Etwas Sonne, etwas Regen. Weder Winter, noch echter Frühling und schon gar nicht Sommer. Engadin im Mai eben. Die meisten meiden den Mai, nach dem langen Winter sehnen sie sich nach Sonne und Meer. Und viele können nur im Mai Ferien machen, da sie Kinder haben oder im Tourismus tätig sind.

Der Mai ist zusammen mit dem November der mit Abstand schwächste touristische Monat. Es sind etwa 14 Mal weniger Gäste im Engadin, als in den Spitzenmonaten August und Februar, wie der Blick auf die Logiernächte-Statistik zeigt. Darum mag ich den Mai, man findet leicht Ruhe im Tal. Die Landschaft ist trotzdem schön. Und gut Sport treiben kann man auch. Man kann sogar Snowboarden und Mountainbiken am gleichen Tag. Und ich kenne Leute, die gehen danach noch Kitesurfen. Wo gibt es das sonst noch?

Die wenigen Touristen, die es im Tal hat, fallen auf. Gruppenreisende aus Asien fotografieren den St. Moritzersee und machen Selfies vor dem Palace. Auch italienische Tagestouristen schlendern durch die Fussgängerzone und bestaunen die Schmuckstücke und Preisschilder in den Schaufenstern der geschlossenen Bijouterien. Und in Pontresina jagen junge Instagrammer, mit schweren Bergschuhen und drei Fotokameras bewaffnet, den Steinböcken nach.

Die wenigen Einheimische, die ich zumeist im Coop treffe und die Vorzüge des Mais ebenfalls schätzen, leiern gerne das gleiche Lied: Diese armen Touristen, die sich hierher verirren. Nichts hat offen, überall tote Hose. Die langweilen sich bestimmt und erhalten ein schlechtes Bild von St. Moritz und dem Engadin. Warum haben nicht mehr Hotels und Restaurants offen? Warum wird der Mai nicht besser vermarktet?

Die Touristen, die ich danach frage, sagen mir, sie würden sich grossartig vergnügen und St. Moritz und das Engadin wunderbar finden. Ist ja klar, denn was erwartet ein Gast, wenn er hier Ferien bucht? In erster Linie eine schöne alpine Landschaft mit spektakulärer Bergkulisse, frische Luft und in St. Moritz etwas Schickimicki-Feeling. Und das findet er, sowohl im Mai wie auch in allen anderen Monaten. Ein offenes Hotel, das ihn freundlich beherbergt, und ein gutes Restaurant, wo er regionale Spezialitäten bekommt, findet er ebenfalls. Und das eine oder andere Souvenir kann er auch kaufen. Was will der Mai-Gast mehr? Nichts.

Die meisten Engadiner, die im Mai nach Sardinien oder in die Toskana fahren, schätzen es ja auch, wenn sie in der Nebensaison buchen können: Es ist günstiger, die Strände sind leer, die Sonne erträglich, die Städte nicht vollgestopft. Das Meer mag etwas frisch zum Baden und das beste Fischrestaurant geschlossen sein, doch was solls: Hauptsache weg von Zuhause, das Meer sehen und Entspannen.

Darum: Lassen wir den Engadiner Mai, so wie er ist. Er ist perfekt. Mit allen Vorzügen und Nachteilen.

Übrigens: Mein Besuch hatte viel Spass. Ich zeigte ihnen die Diavolezza, die Steinböcke in Pontresina und in St. Moritz die grösste Whiskybar der Welt. Sie waren freudig überrascht, obschon sie keine Amerikaner oder Australier waren, sondern Freunde aus Flims und Laax.

Franco Furger

Franco Furger, 1974 geboren, ist in Pontresina aufgewachsen. Er maturierte am Lyceum Alpinum Zuoz und tourte als Profi-Snowboarder um die Welt. Später liess er sich zum Journalisten ausbilden. Er arbeitete als freier Texter, Medienkoordinator bei Swiss Ski, Redaktor bei der Engadiner Post, World Cup Organisator und Mediensprecher der Corvatsch AG. Im Sommer 2017 war er als Segantini-Hüttenbub und -Blogger tätig. Inzwischen arbeitet Franco wieder im Tal, er ist freischaffender Texter bei Cloud Connection und bloggt neu über Lifestyle-Themen.

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