Alles wird verschachtelt - diesmal waren es 378 Stücke. Fotos: Samuel Bossart.

Wenn auch dein WC-Bürsteli auf Reise geht

Ein Umzug von einem Kontinent auf den einen anderen ist nicht nur eine logistische Herausforderung sondern ein Boot-Camp für Ausdauer, Improvisation und Humor.
Die Zahl kriege ich nicht mehr genau zusammen: Es sind sicher mehr als zwanzig Zügleten. Genauer weiss ich es für Umzüge von einem Kontinent auf einen anderen: fünf. Zürich-Tokio-Pontresina, Zuoz-Singapur-Istanbul. Und nun nach Mumbai. 
Denken Sie, dass wir Routiniers sind? Mitnichten. Denn es ist jedes Mal wieder ganz anders. Zum Beispiel letzte Woche: Unser Haushalt reist nun in  einem 42 Tonnen-Container von Istanbul nach Mumbai. 2 Monate braucht das. Voraussichtliche Ankunft: Mitten zur Monsunzeit mit Luftfeuchtigkeit um die 90%.  

Die Zügelmänner sind Pack-Profis. Es gibt nichts, was sie nicht verschachteln können.

Die Zollformalitäten würden rund drei Wochen dauern, beschied uns die Umzugsfirma. Die Inder wollen es genau wissen. Dass die Zöllner etwas Verbotenes finden könnten, ist nicht unsere grösste Sorge. Panik haben wir vor der Natur, genauer vor dem Schimmelpilz.
Meine einschlägigen Erfahrungen mit diesem Phänomen habe ich schon in Singapur gemacht: Nach dem Umzug vom Engadin auf die Tropeninsel waren alle meine Ledergürtel schimmlig. Auch die Innensohlen der Schuhe waren mit einem feinen weissen Flaum überzogen. Reinigen hilft nur temporär. Ein wirksames Gegenmittel gibt es kaum.
Beim Vorbereiten des Zügelgutes von Istanbul nach Mumbai galt darum ein spezielles Regime: Alle Lederschuhe wurden in die Schweiz zu meinen Eltern verschickt, Jacken sowieso, da im tropischen Klima unnötig und die verbleibenden Ledergürtel in Vakuumbeutel verpackt. Das gleiche habe ich mit allen noch immer nicht eingeklebten Fotos gemacht, denn auch die mögen keine Feuchtigkeit. 

Unsere türkischen Packer haben zudem rund 30 Kilo Feuchtigkeitsfänger in Büromaterial, Unterwäsche, Badetücher und Matratzen gestreut. Sie sollen verhindern, dass auch Stoffe schimmeln. Ob diese Methode wirksam ist, wird sich weisen. Mitte August lösen wir – hoffentlich - unser Hab und Gut bei den Indischen Beamten heraus.
Anders als bei einem Umzug innerhalb der Schweiz darf man bei einem internationalen Transfer nur bedingt selber packen. Es werden zum einen genaue Inventarlisten für den Zoll erstellt, zum andern ist profi-Verpackung wichtig, falls es Schäden gibt. Denn die Versicherungen klären ab, ob die Ware richtig verpackt war. Es  empfiehlt darum, auf die Erfahrung der Berufs-Packer zu setzen.  Sie wissen mehr als dass man die Weingläser über die Wasserbecher stellen muss. Auch einen Kühlschrank oder einen Backofen (ja, das kommt auch mit...) können die fachgerecht verschnüren. 

Die Packer sind allerdings gnadenlos. Alles was ihnen in die Hände kommt, wird umwickelt, verklebt, verschachtelt. In einem Tempo, dass die Augen kaum mitkommen. Ich weiss das inzwischen und darum wird jeweils – vor ihrem Einfall -  mit rotem Band eine Ecke abgesperrt, ergänzt mit einer Notiz: Don t Touch – bitte nicht verpacken!! 
Diese Strategie hat dieses Mal funktioniert. In Singapur haben die Packer meine Handtasche mit den Pässen in die Finger bekommen, in Tokio die Babytasche mit den Schoppenflachen und dem speziellen Milchpulver unseres damals 4 monatigen Sohnes. Die Suche in den dreihundert-plus Schachteln ist aufwändig.....
Jedes Mal gibt es aber auch beim Auspacken Überraschungen: in Tokio haben uns die Männer die gesamten Messer-Ständer aus der Küche miteingepackt, obwohl die eigentlich zum Inventar gehörten und die gebrauchten WC-Bürsteli. Als wir vom Engadin nach Singapur zogen, kamen nicht nur die Gartenzwerge, das Schneewittchen und zwei Arven-Blumenkistli versehentlich in den Container. Unter Gelächter packten wir auch  drei leuchtend rote Rollen Engadiner-Güsel-Säcke aus.

Ruth Bossart

Ruth Bossart berichtet für das Schweizer Fernsehen aus der Türkei und aus Griechenland. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn Samuel (noch) in Istanbul, die Familie ist nun auf dem Weg nach Mumbai. Laufen, Ski- und Velofahren gelernt hat Samuel in Pontresina und Zuoz, bevor die Familie 2010 nach Singapur und später in die Türkei zog. Jedes Jahr verbringen die Drei aber immer noch mehrere Wochen im Engadin – nun nicht mehr als Einheimische, sondern als Touristen.

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