Rikshafahrer: «Hindernisse werden gekonnt umgangen – sei es im Bürokratendschungel oder im Feierabendverkehr.» Foto: Ruth Bossart.

Warum es in Indien eine Schweizer Stromrechnung braucht

Ich habe noch nie ein so grosses Buch gesehen – mindesten einen Meter hoch, möglicherweise sogar noch mehr. Es ist das Register für Mietverträge in Mumbai. Jeder Mietvertrag in der Millionenmetropole muss per Gesetz darin eingetragen werden – egal ob reich oder arm, gehbehindert oder blind, gleichgültig ob Mieter oder Vermieter – jeder muss persönlich vorsprechen. 

Das Büro liegt im Süden der Stadt, in einem alten Quartier. Riesen Propeller surren an der Decke, Neonlicht gibt es auch am Tag, denn die dicken Monsunwolken haben der Sonne das Licht gestohlen. Kaum ein Plastiksessel ist noch frei. Vor dem Riesenbuch hat sich eine lange Warteschlange gebildet. Mehrere Männer kursieren mit dicken Papierbüscheln. 

Bald fordert uns einer auf, den Zeigefinger in ein blaues Stempelkissen drücken. In wunderschöner Handschrift hat eine ältere Dame mit Tinte etwas in diesem grossen Buch notiert. Wir verstehen nichts, bestätigen es aber mit unserem Fingerabdruck. Später erhalten wir noch ein rotes Siegel, das unter den Wohnungsvertrag geklebt wird, ein paar Marken und Stempel. Jede Seite musste visiert werden - über 65 sind es. 

Dieses Wunderwerk legt die Basis für unsere Existenz im indischen Bürokratie-Dschungel. Mit ihm konnten wir zum Beispiel eine SIM Karte für ein Telefon erstehen – fast jedenfalls.

Nachdem wir erfolgreich sechs Formulare (Name der Mutter, Blutgruppe, etc.) für eine indische Telefonnummer ausgefüllt hatten, kündigte uns der Netzbetreiber in einem SMS seinen Besuch an. Er würde uns an der im Mietvertrag genannten Adresse aufsuchen, um sicherzustellen, dass wir auch wirklich dort wohnten. Da all unser Hab und Gut noch immer beim indischen Zoll feststeckt, ist unsere Wohnung allerdings völlig leer. Doch das störte den Mobilfunkmitarbeiter nicht. Er kam vorbei, sah uns, war zufrieden und schaltete unsere Nummern frei. 

Hilfreich war der Mietvertrag auch beim Eröffnen eines Bankkontos. Allerdings brauchte es dazu auch noch eine Schweizer Stromrechnung. 

Bevor wir das Geschäft abschliessen können, so der indische Bankangestellte, müsste ich beweisen, dass ich wirklich Schweizerin sei. Nein, der Pass genüge nicht, er brauche ein Dokument mit einer Adresse drauf. Da in der Schweiz die Adresse weder im Pass, noch auf der ID oder dem Fahrausweis steht, hatte ich keinen offiziellen Ausweis mit einer Schweizer Adresse drauf und die war offenbar nötig, so die Regeln der indischen Bank. Was tun? Eine Stromrechnung, so der Vorschlag des Bankers. Eine Schweizer Stromrechnung wäre - zusammen mit dem Pass -  Beweis genug. 

Wenn Sie den Blog hier regelmässig lesen, wissen Sie, dass ich bis im Juni in der Türkei gewohnt habe, zuvor in Singapur und bis 2010 im Engadin. Dass ich aus diesen Zeiten noch eine Stromrechnung besitze, ist ausgeschlossen. Als Glücksfall entpuppte sich schliesslich, dass ich den gleichen Vornamen wie meine Mutter trage: Ruth. 

Dank Email  und Whatsapp war die Juli-Rechnung  der Centralschweizer Kraftwerke aus Luzern bald auch in Mumbai verfügbar - und mein Bankkonto konnte eröffnet werden.

Ruth Bossart

Ruth Bossart berichtet für das Schweizer Fernsehen aus Indien und anderen südasiatischen Ländern. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn Samuel seit dem Sommer 2018 in Mumbai. Laufen, Ski- und Velofahren gelernt hat Samuel in Pontresina und Zuoz, bevor die Familie 2010 nach Singapur und später in die Türkei zog. Jedes Jahr verbringen die Drei aber immer noch mehrere Wochen im Engadin – nun nicht mehr als Einheimische, sondern als Touristen.

 

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