Hommage an den Circus Nock

Vor drei Jahren war ich im Circus Nock. Er gastierte, wie jeden Sommer, am See in St. Moritz. Damals hob ich das Programmheft auf, ich wollte etwas über die Darbietungen schreiben, die mich begeistert hatten. Aber ich habe es dann doch nicht getan, was ich bereue. Stattdessen entschied ich mich, für die nächste Tournee und die Vorführungen im Engadin zu werben. Und weil ich gerade in Genua gewesen war, erschien im Blog der Engadiner Post Mitte Juli 2017 ein Hybridtext unter dem Titel «Hinter dem Portal aus Stoff». Was ich auch bereue. Denn das Programm des Circus Nock hätte eine ausführliche Besprechung verdient. Ich aber zitierte den Zirkus Knie:

«Die zerknüllte Eintrittskarte in der schwitzenden Hand. Die Zulassung für das Spektakel. Ein Spektakel, das Menschen erlaubt, in der Mitte des Raums zu stehen und die Zuschauer um Applaus zu bitten für den Überschlag, den waghalsigen Ritt, für Poesie und Pathos, fürs Lustigsein, fürs Doof- und Verrücktsein, für Witz und Komik, für falsche Töne und gute Laune, für phantasievolle Verkleidung, geschmeidige Figur, für Muskeln, Mut, Kraft, Konzentration, für Wendigkeit und Spannung, für Glitzer, Glamour, Grazie, Gleichgewicht, Harmonie und Rhythmus. Im Innenhof der Stadt. Applaus!»

Schade schade schade, sage ich jetzt. Eine verpasste Chance, wohl nicht die letzte. Leider auch nicht die erste. Genua ist noch da, der Zirkus Knie ist noch da, aber der Circus Nock gastiert nicht mehr im Engadin, das er als einziger Zirkus regelmässig bediente, seit meiner Kindheit, die ich in Scuol verbracht habe. Er hat diesen Mai nach 160 Jahren bekannt gegeben, dass er den Betrieb einstellen wird.

Damit bricht eine jährliche Erfahrung weg, der ich viel verdanke. Als ich ein Kind war, kam mit dem Circus Nock die Welt nach Scuol. Die Welt kam zu mir. Sie brachte Variation, viele Möglichkeiten, wie Frauen, Männer und auch Kinder sein können. Sie brachte Freiheit. Denn ich fühlte mich, wie so viele Menschen, «anders». Vielleicht fühlen sich alle «anders», auf irgendeine Weise ausgeschlossen, unterlegen oder benachteiligt. Ich spreche hier nicht von administrativen oder systematisch verankerten Ungerechtigkeiten, ich spreche von einem existenziellen Grundrauschen: Ich bin anders, und deshalb bin ich wahrscheinlich allein.

Musik, Bühnenkostüme, Inszenierung und diese im besten Sinne schamlose, selbstbewusste Präsentation unterstrichen, dass der Herrgott viele Kostgänger hat, wie meine Nana sagte. Und nur wenn möglichst verschiedene da sind, wird die Show so richtig richtig gut und prall.

Danke dafür, Circus Nock. Danke, dass du meine Sehnsucht genährt, dass du meine Welt zum Glitzern gebracht hast. Danke, dass ich früh begriffen habe, dass wir alle voreinander stehen, in der Hoffnung, erblickt und wahrgenommen zu werden, weil wir auf einem Bein hüpfen, eine Grimasse machen können, weil wir schreiben, singen oder beim Schneeschaufeln helfen. Oder weil du du bist und ich ich bin? Und das okay ist? Vielleicht gibt es im allerbesten Fall auch dafür einen Applaus.

Never ending Trommelwirbel dafür.



Romana Ganzoni

Romana Ganzoni ist Autorin. 1967 auf die Welt gekommen. Kindheit und Jugend in Scuol, dann Zürich und London. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Celerina. 20 Jahre Lehrerin am Gymnasium. Literarische Publikationen ab 2013. Erzählungen, Gedichte, Essais, Kolumnen. Nominiert für den Bachmannpreis 2014. Gewinnerin Essay-Wettbewerb Berner Bund 2015. Werkbeitrag Kanton Graubünden. Erzählband „Granada Grischun“ (2017) sowie Roman „Tod in Genua“ (2019) beim Rotpunktverlag, Edition Blau, Zürich.

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