Mit Bambusstangen und Schnur - Arbeiter bauen ein Baugerüst für einen Fassadenrenovation auf. Fotos: Ruth Bossart

Wenn ein Kugelschreiber zum Baugerät wird

Haben Sie sich schon über einen Handwerker geärgert? Kam er mit seinen schmutzigen Schuhen über den hellen Teppich ins Badezimmer? Hat er ungenau gearbeitet? Fast jeder kennt eine Geschichte. Auch ich kann Ihnen ein paar erzählen – aus Indien, wo auch die kleinste Reparatur starke Nerven erfordert: Hauptsächlich, weil ich mich um die Sicherheit der Handwerker sorge. Gebohrt wird hier zwar auch meist mit einer Maschine. Keine der Bohrmaschinen hier hat aber einen Stecker. Am Kabelende recken die nackten Drähte aus der Plastikhülle und die steckt der Handwerker einfach in die Steckdose. Wenn an der Decke etwas geflickt werden muss, haben die Männer meistens keine Leiter. Sie fragen darum um Stühle und stapeln diese dann aufeinander – wie im Zirkus. Auch dem Elektriker kann ich kaum zusehen. Immer wieder knallt es in unserer Wohnung die Sicherung raus. Wenn das Bügeleisen und der Boiler gleichzeitig laufen, ist das zu viel. Das wollten wir ändern und riefen den Fachmann. Denken Sie, dass er einen Phasenprüfer dabei hatte? Werkzeuge sind für viele Handwerker schlicht zu teuer.

Kürzlich hat unsere Hausverwaltung beschlossen, die Fassade zu sanieren, da sich die Hauswände bei jedem grösseren Regen mit Wasser vollsaugen und wir dann mehr oder weniger grosse Überschwemmungen in den Wohnungen haben. Ohne Sicherheits-Gurten bauten die jungen Taglöhner aus Bambusstecken ein Baugerüst. Unser Haus hat notabene neun Stöcke. Jeden Tag sahen wir andere Gesichter. Man hole sie am nahen Bahnhof ab, erzählte uns der Hauswart, einem Ort, wo täglich tausende arbeitssuchende junge Männer vom Land warten und hoffen, für einen Tag angestellt werden. Gelehrt sind sie alle nicht, sie nehmen, was ihnen angeboten wird, damit sie zu essen haben und sich ein Dach über dem Kopf leisten können. Keine Arbeit heisst oft, die Nacht auf dem Trottoir zu verbringen. Tagsüber balancieren sie auf Baugerüsten ohne Sicherungsgurten, schuften in Strassengräben, manchmal mit blossen Händen, reinigen Kanalisationen, hieven Lasten herum oder turnen vor meinem Fenster auf den dünnen Bambusstelen mit Schüsseln voller Beton in schwindelnden Höhen. Ein Misstritt und – ich will mir nicht ausmalen, was dann.

Bohrmaschine a la Indien - ohne Stecker.
Die meisten Werkzeuge sind zu teuer für Tagelöhner. Auch Sicherheitsgurten kann sich kaum einer leisten.

In der Gluthitze spitzten sie zunächst die Fassade ab, manchmal klopfte einer an die Scheiben. Pani he? Haben Sie Wasser? Um fünf oder mehr Stockwerke runter zu klettern und Wasser zu holen, waren sie oft zu erschöpft.

Am Ende der Fassadenarbeiten mussten sie die Leisten unserer Schiebefenster reinigen, da sich dort vom Abspitzen grössere und kleinere Mauerreste angesammelt hatten, die – logisch – die Schiebefunktion behinderte. Ein blutjunger Arbeiter klopfte an mein Bürofenster. Ob ich einen Kugelschreiber hätte? Ich konnte mir darauf keinen Reim machen, gab ihm aber das Gewünschte und traute meinen Augen nicht: er wollte ihn nutzen, um die angeklebten, steinharten Beton- und Mauerreste vom Fensterrahmen und aus den Fugen zu kratzen. Ich eilte zu meiner Werkzeugkiste, entnahm ihr einen Schraubenzieher, einen Spachtel sowie eine Bürste. Freudig nahm er das alles in Empfang und machte sich an die Arbeit – so eifrig, dass er aus Versehen mit dem unerwartet robusten Schraubenzieher einen Flügel des Fensters aus der Schiene hebelte.

Das Bambusgerüst wurde noch am gleichen Tag abgebaut – zum Glück. Denn wir können seit dem Zwischenfall mit dem Arbeiter und meinem Schraubenzieher das Fenster nicht mehr richtig schliessen. Ohne Bambusgerüst kommen wenigsten keine ungebetenen Gäste in mein Büro - nur strömender Monsunregen.

Ruth Bossart

Ruth Bossart berichtet für das Schweizer Fernsehen aus Indien und anderen südasiatischen Ländern. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn Samuel seit dem Sommer 2018 in Mumbai. Laufen, Ski- und Velofahren gelernt hat Samuel in Pontresina und Zuoz, bevor die Familie 2010 nach Singapur und später in die Türkei zog. Jedes Jahr verbringen die Drei aber immer noch mehrere Wochen im Engadin – nun nicht mehr als Einheimische, sondern als Touristen.

 

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