Foto: Jan Schlatter

Maiferien auf Balkonien und Terrassien statt in Miami und Italien

Früher hatten wir einen selbst gebastelten Kalender zu Hause. Einen, den man über Jahre hinweg gebrauchen konnte. Dabei hatte jede Seite dieses Kalenders eine eigene Farbe. Januar war hellblau – was mich an den Schnee erinnert. Der Oktober war orange – wie die Nadelbäume des God Tamangur zu dieser Zeit. Und der Mai war gelb. Nach einem blauen Februar, einem grauen März und einem dunkelgrünen April erhielt der Mai die Farbe der Freude, der Helligkeit und des Lichts. Der Monat Mai steht für das Aufblühen der Natur und ist somit ein Symbol für Aufbruchsstimmung. Aber nicht zuletzt steht der Mai auch für Ferienzeit. Nach einem langen Winter den Ballast für einige Wochen ablegen, die Seele baumeln lassen und einfach geniessen. Das sind Ferien! Aber nicht dieses Jahr...!

Das Jahr 2020 hat sich human ausgedrückt nicht wirklich von seiner besten Seite gezeigt: Brände in Australien, der Konflikt zwischen dem Iran und den USA, welcher fast in einem dritten Weltkrieg endete, und das Thema Corona, welches ich am liebsten gerade wieder vergessen würde. Manchmal vermisse ich die Zeiten, in denen alle Zeitungen und die sozialen Medien noch mit Greta Thunberg vollgepflastert waren. Dass gegenwärtig nur noch ein Bruchteil der Flugzeuge durch die Lufträume schweben und die Natur kleine Zeichen einer Erholung zeigt, wird Greta wohl ein kleines Lächeln ins Gesicht zaubern. Auf der Kehrseite werden die Mundwinkel vieler Engadiner bis ins Unermessliche nach unten ragen. Denn mit dem Coronavirus und den Reiseeinschränkungen gibt es dieses Jahr ferientechnisch keinen normalem Mai. Kein Pauschalurlaub auf Rhodos, kein Banenbootfahren in der Türkei und von einem Besuch der Freiheitsstatue sollte nicht mal geträumt werden.

Ich gebe gerne zu: Auch ich leide aktuell an Fernweh und wäre in den Ferien. Wäre dieses Virus nicht ausgebrochen, würde ich mich gerade am schönen Strand Kaliforniens sonnen und noch einige Monate Sprachaufenthalt auskosten können. Die nun frei gewordene Zeit verbringe ich – wie Sie alle hoffentlich auch – im Engadin, was eigentlich überhaupt nicht meine Art ist. Normalerweise verplane ich meine Ferienzeit im Mai nämlich mit einem Städtetrip oder sonstigen Fernreisen. Jetzt verbringe ich die Zeit zu Hause statt im Hotelzimmer, im Maiensäss oberhalb Ardez statt am Strand und ab heute in Vierergruppen im Restaurant statt im «all you can eat» in Los Angeles. 

Dabei erkenne ich immer mehr, wieso der Mai damals seine Kalenderfarbe gelb mehr als verdient hat. Denn auch im Mai ist es zu Hause im Engadin einfach am schönsten.  

Jan Schlatter

Jan Schlatter aus Scuol hat seine ersten journalistischen Erfahrungen als Praktikant bei der Engadin Post gemacht. Seitdem versucht er sein berufliches Glück ausserhalb des Tals. Regelmässige Besuche der heimischen Berglandschaft sind bei ihm jedoch fest im Terminkalender verankert. Bei diesen findet man ihn wahrscheinlich auf den Skiern, in Wanderschuhen oder auf dem Curlingfeld.

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1 Kommentare

Hans Wegmann

14. Mai 2020

Viva la Grischa!