Premierenfeier: Die Tochter Vico Torrianis, Nicole Kündig-Torriani, mit Simon Klucker, der im Musical ihren Vater spielt.

Männer zum Schwachwerden

Schwupps – und schon ist das High Life im Engadin auch wieder gegessen. Ich weiss, liebe Langläufer, euer Tag der Ekstase kommt erst noch. Aber der ganz hohe Glamourfaktor ist vorbei, wenn die letzten Pferde am White Turf durchs Ziel gelaufen sind und am Cresta Run die Glocke für den letzten Schlitten geläutet hat. Zeit für eine erste Bilanz. Was waren meine persönlichen Highlights dieser Tage?

Ich sage es ganz offen: drei Männer. Sie haben mich berührt, überrascht und begeistert. Wobei der erste gar nicht da war. Aber hinter dieser Abwesenheit könnte sich ein Drama verbergen. Jeden Tag habe ich die einschlägigen Boulevard-Spalten abgesucht. Doch die Kollegen haben in diesem Jahr bezüglich St. Moritz etwas geschwächelt, finde ich.

Vermisst: Josef

Denn wo war Josef? Natürlich erinnern Sie sich an den Aufstand letztes Jahr um den pausbäckigen Jüngling mit dem Hundeblick, den Vera Dillier (Alter bekannt) rechtzeitig zum dritten Rennsonntag als ihren neuen Lover präsentiert hatte. «Blick» und «Schweizer Illustrierte» waren begeistert und erst recht Mike Müller und Viktor Giacobbo, die sich gar nicht mehr auskriegten über diese satirische Steilvorlage. Wie ich aus vertraulicher Quelle weiss, hat Josef (29) auch Fans im Homo-Lager. Aber alle warteten dieses Jahr vergeblich. Dass Vera Dillier die Bellers nicht mehr anschleppte, war kein Schaden. Aber warum kam sie ohne Josef zum White Turf? Ist das junge Glück schon wieder zerbrochen? Ich mache mir Sorgen. Am zweiten Rennsonntag, der ja eigentlich der erste war, nahm sie kurzzeitig DJ Antoine in Beschlag. Mit wenig Erfolg. Der ist seit Neuestem ja mit dem Walliser Model Laura Zurbriggen liiert. Die ist zwar nicht so lustig wie Vera, aber halt glatte 46 Jahre jünger als sie. Das Leben ist brutal zu uns alterslosen Frauen.

Der grosse Schwarze von der CS

Meinen zweiten Supermann dieser Saison habe ich ebenfalls am White Turf getroffen. Und zwar dort, wo eben auch ein CEO zu Fuss hin muss. Wie alle anderen Besucher des VIP-Zeltes hat Tidjane Thiam anscheinend den Weg zu den gut versteckten Toiletten nicht auf Anhieb gefunden und konnte wegen Überdesigns auch nicht entziffern, wo Männlein und Weiblein hingehören. Auf dem Rückweg von diesem Abenteuer jedenfalls stand er dann plötzlich vor mir: gross, schwarz und mit einem sehr sympathischen, offenen Blick. Der neue Mann an der Spitze der Credit Suisse war nach St. Moritz gekommen, um den Preis für den Gewinner des Skikjöring zu überreichen. Eine tolle Sache, denn die Grossbank gibt zwar schon 40 Jahre lang treu und brav die meisten Sponsorengelder für den Anlass. Dass sich aber ein CEO höchstpersönlich auf die Ehrentribüne bemühte, ist schon ziemlich lange her. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern den Vorgänger Thiams, den staubtrockenen Brady Dougan, hier schon mal gesehen zu haben. Es heisst, der Ivoirer werde am Zürcher Paradeplatz derzeit nicht mehr so geliebt, sei vom Strahlemann zum verbissenen Sanierer mutiert. Angeblich habe er deswegen neue Berater engagiert, um an seinen Imageproblemen zu arbeiten. Also in St. Moritz hat er schon mal eine sehr gute Falle gemacht.

Der kleine Torriani

Quelle: RTR

Und jetzt präsentiere ich meinen neuen Liebling. Vera aufgepasst: er ist 40 Jahre jünger als ich. Er heisst Simon Klucker – o.k., am Künstlernamen arbeiten wir noch – und er ist einfach super. Ganz klar, jeder zivilisierte (Heimweh-)Engadiner muss sowieso weinen, wenn «Chara lingua da la mamma» gesungen wird. Aber so hinreissend wie das der 13-Jährige aus Tamins letzte Woche im neuen Vico-Torriani-Musical gemacht hat, da schmolzen reihenweise die Herzen. Nicht zuletzt wegen des kleinen Imbodeners war für mich die Uraufführung im so wunderbar wiedererweckten Hotel Reine Victoria in St. Moritz das Ereignis dieser Saison. Er spielte, sang und tanzte die Rolle des Vico Torriani als Kind, der als Hotelpage einst von Charlie Chaplin für sein Lied im Aufzug belohnt worden sein soll. Er agierte fantastisch, sah aus wie ein ganz junger Alain Delon, hat Musikalität im Körper und vor allem eine Bühnenpräsenz wie ein alter Hase. Natürlich habe ich an diesem Abend auch Christian Jott Jenny geliebt – wer tut es nicht? Besonders seine Nummer als Disco-Queen war eine Offenbarung. Aber Simon ist nun meine Entdeckung. Irgendwann werde ich als alte Dame in einem Grand Hotel sitzen und mir anschauen, wie er einen Grammy oder Oscar – oder vielleicht sogar einen Prix Walo – gewinnt. Und dann kann ich triumphieren: Hab ich’s nicht schon immer gewusst.

Ruth Spitzenpfeil

Pendlerin zwischen Zürich und dem Engadin, die ihr Büro nicht selten in der Rhätischen Bahn aufschlägt. Sie arbeitet seit 35 Jahren als Journalistin, davon die meiste Zeit bei der Neuen Zürcher Zeitung. Dort galt sie als die inoffizielle Engadin-Korrespondentin, hat unzählige Geschichten im Tal recherchiert und Filmbeiträge produziert. Bekannt wurde sie auch mit ihrem Video-Blog «In fremden Federn», einer Serie von witzig-kritischen Hoteltests.

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1 Kommentare

Reto Stifel

09. März 2016

Hühnerhaut-Feeling beim Chara lingua da la mamma von Simon Klucker.