Foto: Schweizerischer Nationalpark

Totholz und Blumenstreifen

Sind Sie ein Betonkopf oder haben Sie einen Kopf wie ein Bienenhaus? Weder noch? Verständlich. Lassen Sie uns gemeinsam am Honigtopf stehen und einen Löffel zücken, schlecken und gestärkt die Augen öffnen für die Vielfalt. Was heisst: Nicht die Nachbarin sein, die motzt. - Für mehr Unordnung!

Eisfrischer Wabengoldhonig. Nietzsche prägte den Begriff. Das Wasser läuft uns im Munde zusammen, gleichzeitig verbinden wir mit der Vorstellung mehr als Nahrung für Mund und Magen. Mit Honig verbinden wir veredelte Süsse, Fülle, Glanz und Wärme, die übermenschlich, ja paradiesisch anmutet, Nektar und Ambrosia verwandt, nicht von Menschenhand allein herstellbar, wir brauchen einen Mittler, und dieser Mittler ist nicht ein einzelnes Tier, sondern ein ganzes Volk - in seinem geheimnisvollen Zusammenspiel ein grosses, summendes Wesen.

Dem Zauber, den ein Wesen ausstrahlt, das aus vielen pelzigen Einzelwesen besteht, kann sich niemand entziehen und auch nicht dem Bild des Braunbären aus dem Kinderbuch. Verzückt schleckt Meister Petz den wilden Honig, der wie eine flüssige Frucht dick und bernsteinfarben vom Baume tropft. Der Mensch träumt sich als glücklichen Dieb. Ohne Scham erntet er das kostbare Gut. Er, der vom Baum oder in einer Felshöhle Honig holt, ist das paradoxe und zwiespältige Lebewesen, das kulturelle Säugetier: Teil der Natur, ein ganz gewöhnlicher, distanzloser Räuber, der aber zusätzlich seine Jagd und alles Tun künstlerisch festhält, benennt, reflektiert, technisch ausbaut und perfektioniert. 

Innovation und Perfektionierung ist in vielen Bereichen Basis für den wirtschaftlichen Aufstieg der Schweiz im 20. Jahrhundert, auch als Folge einer bestimmten Mentalität. Die CH-Sippe sei fleissig wie die Bienen und ordnungsliebend. Dass Ordnung das halbe Leben ist, wird uns früh gesagt. Und die andere Hälfte? Egal. Auch der Bauer räumt tipptopp auf, er muss, sonst rufen Verpächter und Nachbarin an und reklamieren. Nun ist aber nirgends das Aufräumen allein förderlich, weder seelisch noch kulturell, nicht einmal wirtschaftlich - schon gar nicht ökologisch.

Wildbienen beispielsweise können nur zu einem kleinen Teil in den schmucken Wildbienenhotels www.wwf.ch (https://assets.wwf.ch/downloads/schule_2010_wildbienenhotel_1.pdf) beherbergt werden, der grösste Teil lebt im Boden und profitiert von Strassen, die nicht bis zum Rand asphaltiert sind, von Hängen mit offenem Boden, Hecken in der Landschaft, Blütenvielfalt, Streifen, die stehen bleiben dürfen, Bäumen, die nicht gleich weggeräumt werden, Totholz - verrottetes, weiches, morsches Holz, die ideale Bleibe. Heisst das etwa, ein wenig unschweizerischer werden, den Kopf nicht bis zum Rand asphaltieren, locker bleiben, liegen- und stehen lassen, wo es Sinn macht  - ohne Übersicht und Mass zu verlieren? Ja.

Und weil ich gerade im Schuss bin: Für alle, die einmal im Monat, meistens an einem Samstag, morgens als Betonkopf aufwachen und sich nicht so recht gefallen, weil nichts nistet und nichts schlüpft, empfehle ich den samstagabendlichen Besuch auf diesem prächtigen Engadiner Blumenstreifen www.lavouta.ch Kürzlich blühte dort „Ohne Rolf“ www.ohnerolf.ch : eisfrischer Wabengoldhonig. Den iss!, sagt Nieztsche. Wer wollte da widersprechen. Nächste Runde: Samstag, 19. März, 20:30, OBLADIBALADA, Duo Luna Tic http://duo.luna-tic.net

Romana Ganzoni

Romana Ganzoni ist Autorin. 1967 auf die Welt gekommen. Kindheit und Jugend in Scuol, dann Zürich und London. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Celerina. 20 Jahre Lehrerin am Gymnasium. Literarische Publikationen ab 2013. Erzählungen, Gedichte, Essais, Kolumnen. Nominiert für den Bachmannpreis 2014. Gewinnerin Essay-Wettbewerb Berner Bund 2015. Werkbeitrag Kanton Graubünden. Erzählband „Granada Grischun“ (2017) sowie Roman „Tod in Genua“ (2019) beim Rotpunktverlag, Edition Blau, Zürich.

Die Kommentarfunktion ist für diesen Artikel deaktiviert.

0 Kommentare