Bilder: Romana Ganzoni

Maiferien im Büro

Wohin könnte man abhauen, ohne über einen Pass zu fahren? Geschäfte, Restaurants, Bars sind zu, Hotels sowieso, die Freunde über alle Berge. So ist das halt im Engadin. Was nun? Wenn die Natur zickt, der Mensch in die Krise kippt, hilft nur Kultur. Aber was ist das, wenn nirgends ein Konzert geboten wird, kein Theater, die Galerien sind zu – und ich möchte mit Kunst bedient werden? Aus dem Fernseher? Internet? Das Primäre und Naheliegende wäre wohl: Lesen, Musik hören. Ein Bild anschauen. 

Ich schaue ein Bild in meinem Büro an. Eine Votivtafel in Türkis, beim langjährigen Freund Konrad Schmid (Goldschmied und Sammler, Chur) gekauft.

Noch ein Bild. Gleich daneben. Die Hinterglasmalerei einer heiteren Maria, die auch Demeter sein könnte, aus Venedig (beim Grandseigneur Pietro Bianchini gekauft, der Konrad Schmid von Venedig).

Zwei weiss gerahmte Bilder der peruanischen Künstlerin Annie Flores, eines heisst „El Mago“ (2000), in Kohle, ein Mensch, aus dessen Kopf Flammen sprühen, die Inspiration. Das andere Flores-Bild: Bleistift. Einer Indio-Frau fliessen Buchstaben wie Tränen aus den Augen (2004). Zwischen den Lippen Sprachverlust: Der sichtbare Text ist englisch. Beide Bilder von Flores fand ich vor Jahren bei Silvia Stulz, als sie eine kleine feine Galerie in der Dorfmitte von Samedan betrieb (jetzt stellt sie Jachen Guidon in Madulain aus)

Darunter steht eine kleine Plastik von Giuliano Pedretti aus Celerina. Er schenkte sie mir anlässlich der Geburt unseres dritten Kindes. 

Wenn ich auf den Gang blicke, sehe ich drei grossformatige Fotos einer Muschel in Schwarz-Weiss des einheimischen Fotografen Men Clalüna, Samedan.

Auf der anderen Seite der Holzwand meines Büros Art Brut, René Gertsch verwandt: das beladene Menschenkind, krumm und bloss, gefunden im „Antik-Brocki“ von Gian-Reto Minsch und Regula Widmer, Zernez.

Eine Samtrose, sie ist mir in London zugelaufen bei der imposanten Polin Basia Zarzycka, der ich eine Erzählung gewidmet habe.

Dann ein junges Mädchen in Öl, auch von Konrad Schmid, Chur.

Daneben eine Kaligraphie von Alf Bolt, Champfèr. Der Text stammt von Vargas Llhosa. Ein Gedicht über das Alter.

Hinter mir ein Schafs- und ein Schweinekopf aus Gips (Blumengalerie, Claudia Lischer, St. Moritz).

Dazwischen ein kostbares Geschenk: der kleine frohe Max Bill, den ein enger Freund 1979 aus Bills Hand empfangen durfte.

Weiter eine Karte der international tätigen Bündner Künstlerin und Poetin Zilla Leutenegger: ein Kran, der den Mond hebt, „Moondiver“ (2015). 

Mit dem Mond hebt der Kran meine Laune. Der Blick aus dem Fenster empfiehlt mir einen ausgedehnten Spaziergang.

 

Romana Ganzoni

Romana Ganzoni ist Autorin. 1967 auf die Welt gekommen. Kindheit und Jugend in Scuol, dann Zürich und London. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Celerina. 20 Jahre Lehrerin am Gymnasium. Literarische Publikationen ab 2013. Erzählungen, Gedichte, Essais, Kolumnen. Nominiert für den Bachmannpreis 2014. Gewinnerin Essay-Wettbewerb Berner Bund 2015. Werkbeitrag Kanton Graubünden. Erzählband „Granada Grischun“ (2017) sowie Roman „Tod in Genua“ (2019) beim Rotpunktverlag, Edition Blau, Zürich.

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2 Kommentare

Fredy Troxler

06. Mai 2016

Mai !! Zeit der Erholung, des wiederfinden, der Bereinigung des säubern was man kann, Liebe entspannen erholen, neue Punkte setzen Ziele erarbeiten, ( macht auch die Natur ) mit dem wissen was man dieses Jahr anders machen will !.


Daniel Kestenholz

04. Mai 2016

Anregend!