Verleiht ein Superschuh auch Superkräfte? Oder: Wie man den passenden Laufschuh findet

Die Regale in den Sportgeschäften sind voll mit Schuhen in den buntesten Farben und Formen. Man kann zwischen so vielen Modellen und Marken auswählen, dass es einem ganz schwindelig wird. Nachdem Jahrzehnte lang gepredigt wurde, dass ein Schuh den Fuss beim Laufen unterstützen muss, wurden die Modelle mit Gelkissen, Luftkissen und Federn ausgestattet. Sie wurden erhöht, verstärkt und gehärtet. Nur damit der Fuss eines nicht macht: sich natürlich bewegen. Wie häufig hört man bei der Beratung im Sportgeschäft, dass man ein „Überpronierer“ sei oder einen Knickfuss habe oder dass der Fuss unbedingt gestützt werden müsse. Und ehe man sich versieht, hat das Verkaufspersonal wie im Schlaf das passende Modell parat gestellt, auf dem der Kunde wie auf Federn läuft. Meistens handelt es sich um ein Modell, welches den Fuss dann in den oben genannten Bereichen unterstützen soll und mit allerhand Material ausgestattet ist. Meistens handelt es sich um einen dicken Keil, welcher in der Innenseite des Schuhs den Fuss dazu zwingt, nicht mehr nach innen abzuknicken. Aber diese sogenannte Pronation hat ja eigentlich den Sinn, dass der Fersenaufprall vermindert wird. Biomechanisch erklärt es sich so, dass der Fuss beim Aufprall absichtlich etwas nach innen knickt, um die eingehenden Kräfte abzufedern. Wenn nun aber der Schuh in genau dem Bereich eine starke Einschränkung aufweist, ist die logische Schlussfolgerung ein nicht mehr natürliches Abrollverhalten. Und noch interessanter ist, dass durch einen massiv gedämpften Fersenbereich der Anstieg an Achillessehnenbeschwerden sogar zugenommen hat. Das dicke Kissen unter der Ferse ist also nichts mehr als unnötiger Ballast auf dem der Fuss sich ausruhen kann und das unnatürliche Fersenlaufen gefördert wird.

Und was soll man jetzt für einen Schuh kaufen? Am besten gar keinen. Denn unser Fuss ist von der Natur aus eigentlich so konstruiert, dass er keine Stütze braucht. Wer jetzt voreilig alle Schuhe aus dem Fenster wirft und nur noch barfuss läuft, wird allerdings sein blaues Wunder erleben. Wenn der Fuss jahrelang in einem gestützten Schuh gelaufen ist, muss er das Laufen ohne „Hilfe“ erst wieder lernen.

Aber was schreibe ich hier die ganze Zeit nur von der Fussmuskulatur? Zum Joggen gehören noch so viele andere Muskeln, die bei einer Laufschuhberatung häufig vergessen werden. Wer einen Laufschuh kauft, sollte eigentlich die Chance bekommen, dass alle Muskeln durchgecheckt werden und sich der Fokus auf die gesamte Bewegungskette ausweitet. Wer nur auf die Füsse schaut, sieht vielleicht nicht, dass eine zu schwache Gesässmuskulatur der Anfang aller Fehlbelastungen ist. Oder umgekehrt formuliert: wer als Anfänger mit einem gut gefederten und gedämpften Superschuh direkt mal 20 Kilometer laufen geht, darf sich nachher nicht wundern, wenn alles weh tut. So ein Superschuh verleiht nämlich keine Superkräfte. Die muss man sich durch andere Übungen antrainieren. Und wer dann Superkräfte hat, braucht eigentlich auch keinen Superschuh mehr...

 

Hier noch ein Link zu einer aktuellen Diskussion der Schuhartikelindustrie: http://m.sportaktiv.com/de/news/die-laufschuh-revolution-haben-ueberpronation-und-laufschuh-daempfung-ausgedient

Und ein Link mit Tipps zum Laufschuhkauf: http://www.achim-achilles.de/ausruestung/laufschuhe/30546-tipps-laufschuhe-kaufen-zehn-fragen.html

Und noch ein Tipp von mir: In einem Laufladen ca. 5-10 Paar passende Schuhe raussuchen lassen, Augen verbinden und einfach die Schuhe blind testen. Somit liegt der Fokus auf dem Empfinden und nicht auf Marke oder Farbe

Und noch mein Musiktipp: Radiohead „Burn the Witch“

 

 

Anne-Marie Flammersfeld

Anne-Marie Flammersfeld ist Diplom-Sportwissenschaftlerin und Ultraläuferin.

2012 konnte sie als erste Frau der Welt alle vier Rennen der "Racing the Planet 4 Deserts Serie" gewinnen und lief 1000 Kilometer die vier grössten Wüste der Welt. Seitdem sucht sie immer wieder neue sportliche Herausforderungen im Wettkampf und in eigenen Projekten, wie „Bottom Up Seven Volcanic Summits“. 2015 konnte sie u.a. einen neuen weiblichen Speed-Run-Weltrekord auf den Kilimandscharo aufstellen. Zudem hält sie weitere Streckenrekorde u.a. beim Nordpol,- und Volcanomarathon.

Mit ihren Wettkämpfen unterstützt sie die Stiftung „Paulchen Esperanza“, die sich für benachteiligte Kinder in Schwellenländern einsetzt.

Die 37 jährige deutsche Sportlerin arbeitet mit ihrem eigenen Unternehmen all mountain fitness als Personal Coach im schweizerischen St. Moritz. Sie hält regelmässig Vorträge zu Themen aus den Bereichen Motivation, Begeisterung, Erfahrung sammeln und Grenzen überwinden.

www.allmountainfitness.ch

annemarieflammersfeld.blogspot.com

 

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