Foto: Ralph Feiner

Kunst und Kirche

Letzte Woche Freitag beging ich mit meiner Familie den Erweiterungsbau des Bündner Kunstmuseums in Chur. Ein hässlicher Klotz, sagte einer. Ich sage: Grandiose Begegnung mit Raum und Kunst. Ein Wurf für den Kanton Graubünden, der über die Grenzen in alle Richtungen strahlt und hoffentlich viele Menschen anzieht und erfreut.

Gehen Sie hin, fahren Sie unter die Erde, schreiten Sie mit dem Schreitenden, schauen Sie, staunen Sie und steigen Sie, ich will nicht sagen „geläutert“, aber positiv verschoben und im besten Fall mit dem Blick, den sie als Kind hatten, wieder empor ans Tageslicht und unter die Leute.

Wie viel kann uns Kunst geben? Tiefe Gefühle, auch metaphysischer Art, Trost, Einsicht, die neue Fragen stellt. Gedanken zum guten Leben, zu Leiden und Transzendenz dürfen fliessen in Räumen, die auch einem Sakralbau, einer Kirche würdig wären. Und man darf sich aufregen, ein Werk schrecklich finden, missraten, überschätzt oder provokant.

Ist das nicht wunderbar, sich im Kunstmuseum ärgern? Oder zu schweigen? Oder zu sagen: Das verstehe ich nicht. Etwas nicht zu verstehen in einer Welt, die manchmal so tut, als könne man alles verstehen und müsse immer eine pfannenfertige Meinung absondern, sofort Stellung beziehen. Manchmal, bevor man begriffen hat, worum es wirklich geht.

Wunderbar, über Kunst sprechen und debattieren, sich auf einen Dialog einlassen mit dem Überraschenden, Verspielten, Improvisierten, dem Herben, Frechen oder Unflätigen, dem Schönen, handwerklich Gelungenen, Weichen, Zärtlichen, Verwirrlichen, Verzerrten und Verrückten. In diesem Dialog etwas zulassen, von dem man noch nicht weiss, was daraus wird, wenn der Gedanke zu Ende gedacht ist. Auch Abwehr ist wichtig, um den eigenen Standpunkt zu bilden oder zu verdeutlichen und damit auch die Beziehung zu sich selbst, zum eigenen Blick und Erleben. Intime Momente des Glücks und der Heiterkeit. Intime Momente der Trauer, des Draussenbleibens, der Verweigerung. Alles, auch Ärger und Unverständnis, ist anregend. Denn der Alltag bleibt ausgesperrt, er ist anderswo. Wir haben die Zone des Banalen verlassen.

Den Witzbolden, die vor einem Bild, einer Installation, einer Plastik stehen und sagen: Also, das könnte ich auch, möchte ich zurufen: Aber ihr habt es nicht getan. Denen, die sagen: Das ist ja reine Verarschung, sage ich: Dann koste sie aus, ärgere dich jetzt und nicht über den Nachbarn. Ich bin überzeugt, sogar Profischmoller gehen anders aus der Ausstellung, als sie gekommen sind. Vielleicht findet nicht die grosse Verwandlung statt, aber wer sagt: Das sagt mir nichts, sagt damit ja auch: Mir gefällt etwas anderes. Das wäre einen Gedanken wert, immer, wenn uns auffällt, dass ein Bild, eine Plastik, Musik oder ein literarischer Text uns nichts sagt, zu überlegen: Was sagt mir etwas? Und dem folgen, nicht hockenbleiben. Den eigenen Geschmack und das eigene Urteil auch in der Reibung mit Ungeliebtem bilden und entwickeln. Geschmacksverstärkung gibt es in Chur und überall, wo Kunst lebt.

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Letzte Woche Freitag fand aber nicht nur die Eröffnung des Erweiterungsbaus des Bündner Kunstmuseums in Chur statt, letzte Woche Freitag wurde abends in Celerina ebenfalls über die Fusion der Kirchgemeinden im Oberengadin abgestimmt. Die Fusion wurde für nötig erachtet, weil die Gemeinschaft der Evangelisch-reformierten schrumpft und für verschiedene Projekte nur noch regional eine Zukunft gesehen wird.

Man kann die Krise der Landeskirchen bedauern. Ich bedaure sie und das, ohne eine regelmässige Kirchgängerin oder besonders aktiv zu sein. Der Pfarrer aus Celerina, mit seiner Menschenfreundlichkeit, seinem Engagement und seiner Predigt hätte durchaus verdient, was alle, die sich in diesem Rahmen aktiv zum Wohle der Allgemeinheit und der (sozial) Schwachen, der Einsamen und Trauernden einsetzen, verdient hätten.

Mein Glaube spielt sich trotz Mitgliedschaft und trotz einer gewissen Einsicht in kulturelle und historische Zusammenhänge, trotz hoher Akzeptanz christlicher Werte und Rituale zum grössten Teil ausserhalb der Institution ab. Er meldet sich beim Spaziergang, im Schlaf, beim Kartoffelschälen, in der Kathedrale oder im Kunstmuseum.

So geht es vielen. Die meisten Menschen sind keineswegs ohne Glauben, im Gegenteil, der Hunger nach Religiösem, nach der Rückbindung an den Ursprung („religio“), nach Spiritualität ist heiss und gross, aber der Glaube ist so individuell geworden wie die Gesellschaft. Er beheimatet sich nicht mehr in traditionellen Räumen und Angeboten der christlichen Gemeinschaften, obwohl sie einen wertvollen Schatz an Erfahrung, Weisheit, Bildern und Poesie hüten, einen Schatz an Menschheitserzählungen über das Unerzählbare – oder manchmal halt nur darauf sitzen, ohne ihn zu heben. Homemade. Da noch ein Gürkchen aufs Glaubenssandwich, neu auch in veganer Form.

Menschen sind unendlich schnädderfrässig, wenn sie können, sie sind so schnädderfrässig, bis sie sich selbst auf die Nerven gehen. Das Ich als einzigen Referenzpunkt,  ist das Langweiligste, was es gibt. Manche wenden sich mangels Hierarchie und Autorität Systemen zu, die sagen, wo es langgeht, die verbindlich vordenken, die Anhänger dürfen nachbeten, was wohl eine Entlastung des Ichs ist. Dazu kommt, dass gewisse Systeme, die sich des Religiösen als Autoritätsknüppel bedienen, grosses Drama versprechen, zum Beispiel nach dem Tod, dafür verlangen sie Selbstaufgabe, manchmal auch Gewalt.

Diese Systeme sind weit vom Glauben abgekommen, denn gerade der Glaube, der gewisse Menschen berührt und andere nicht, ist eine zutiefst unideologische Sache, die den Menschen völlig frei und unkorrumpierbar macht. Spirituelle Menschen sind für Ideologie verloren und der natürliche Feind aller absoluten Systeme. Der existenziell Denkende, der spirituell Begabte ist letztlich auch der Feind des Kapitalismus, weil er schon viel hat und deshalb sehr wenig braucht. Ein miserabler Konsument. Wie der Betrachter des Schreitenden, der ihn in sich aufnehmen kann, er muss ihn nicht besitzen, er nimmt das Erlebnis mit, und das genügt. Letzte Woche hat das nicht einmal Eintritt gekostet.

Habe ich ein Rezept für die evangelisch-reformierten Kirchgemeinden, für die Landeskirche? Nein. Es gibt kein Rezept. Es gibt nur die Hoffnung, dass neue Angebote mehr Raum bieten werden, den Schatz an Erfahrung, Weisheit, Bildern und Poesie, den Schatz an Menschheitserzählungen über das Unerzählbare gemeinsam zu bestaunen.

Romana Ganzoni

Romana Ganzoni ist Autorin. 1967 auf die Welt gekommen. Kindheit und Jugend in Scuol, dann Zürich und London. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Celerina. 20 Jahre Lehrerin am Gymnasium. Literarische Publikationen ab 2013. Erzählungen, Gedichte, Essais, Kolumnen. Nominiert für den Bachmannpreis 2014. Gewinnerin Essay-Wettbewerb Berner Bund 2015. Werkbeitrag Kanton Graubünden. Erzählband „Granada Grischun“ (2017) sowie Roman „Tod in Genua“ (2019) beim Rotpunktverlag, Edition Blau, Zürich.

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