Bitte als Vorbild für St. Moritz nehmen: Die Casa Verdi in Mailand.

St. Moritz-Lifestyle im Altersheim

Wie lange geht das nun schon mit der Suche nach einer Nachfolge für das nun wirklich nicht mehr sehr einladende Alters- und Pflegeheim Promulins in Samedan? Erst plant man an einem unmöglichen Ort, was zum Glück an der Urne scheitert; dann kommt die eigentlich sehr gute Idee einer dezentralen Lösung mit zusätzlichem Standort in St.Moritz, aber da regt sich prompt der bekannte Abwehrreflex der Pontresiner gegen den Nachbarn und sie wollen sich nicht beteiligen. Eigentlich schade. Denn ich bin eine Anhängerin der angedachten «Residenz du Lac» auf dem bisherigen Parkplatz unweit des Bad-Kreisels.

Hier soll dereinst das neue Seniorenzentrum "Du Lac" entstehen.

Mittendrin mit Klasse

Moment mal! Dies hier ist doch die Lifestyle-Sparte des Engadiner-Post-Blogs, mag der geneigte Leser nun einwenden. Die Pflegeheim-Misere ist allerdings ein Dauerthema der hiesigen Politik und zwar eines der unerfreulicheren. Stimmt. Aber genau um Lifestyle soll es nun gehen. Denn ich bin entschieden der Meinung, dass dieser Aspekt in der Diskussion bisher sträflich vernachlässigt wurde. Ob es sich rechnet, ob die richtige Anzahl Plätze vorgesehen werden, ob es praktisch ist – alles gut und schön. Wirklich wichtig ist aber die Frage, ob das neue Seniorenheim zu den künftigen Bewohnern passen wird. Was brauchen einmal die reiferen St. Moritzer, die heute noch so dynamisch und glamourös, so chic und weltgewandt, so stilbewusst und lässig sind? Die werden doch im höheren Alter nicht plötzlich alle zu anspruchslosen, uneitlen und desinteressierten Menschen, die man einfach hinter die sieben Gleise abschieben kann. Sie wollen mittendrin sein und sie wollen Klasse.

Die Casa Verdi

In Mailand gibt es schon seit mehr als 100 Jahren eine einmalige Institution, die Casa di Riposo per Musicisti. Sie wurde einst vom Komponisten Giuseppe Verdi persönlich gestiftet. Als er einmal gefragt wurde, was er selbst für sein bestes Werke hielte, antwortete er: mein Altersheim. In der Casa Verdi leben betagte Künstler, denen es finanziell nicht so rosig geht, oder, die im hohen Alter einfach einen Ort gesucht haben, welcher der Bühne am nächsten kommt. Der rosafarbene Palazzo an der Piazza Buonarroti  hat seither unzählige Sänger, Musiker, Komponisten oder Tänzer beherbergt und alle konnten sie dort ihr Leben weiterleben, nach ihrem Gusto, mit viel Musik und Grandezza. 

Szene aus dem Film "Bacio di Tosca" von Daniel Schmid über die Beweohner der Casa Verdi.

Lebenskünstler

Wäre das nicht ein wunderbares Vorbild für ein St. Moritzer Altersheim? Künstler sind sie doch irgendwie alle in der St. Moritzer Society: Künstler der Selbstinszenierung, Überlebenskünstler, Illusionisten. Hier wären sie zwar gut umsorgt, könnten aber ihren persönlichen Lebensstil ungeniert weiterführen, die alten Jet-Set-Pullis tragen sowie die Chanel-Moon-Boots, die Sonnenbräune pflegen sowie den Kunstverstand. Und natürlich gäbe es Cüpli à discretion. Einen idealen Platz hätte man mit dem Du-Lac-Areal ja schon gefunden. Besonders dann, wenn es gelänge, aus dem Gelände um die Reithalle endlich das St. Moritzer KKL zu machen mit grandiosem Veranstaltungsraum und Café-Apéro-Lounge-Terrasse über dem See. Das wäre von der neuen Casa di Riposi nur einige Schritte entfernt ­– so wie die immer lebendiger werdende Via dal Bagn. Ach ja, und dann vielleicht noch das Tram ins Dorf wiederbeleben? Das wär’s doch.

Jetzt fehlt nur noch der zeitgenössische Giuseppe Verdi, der einem solchen Haus die Erträge seines Lebenswerks vermachte. Aber der müsste doch unter den illustren Gönnern am Ort zu finden sein. Hier könnte er oder sie sich wirklich wohltätig und stilvoll verewigen. 

Ruth Spitzenpfeil

Pendlerin zwischen Zürich und dem Engadin, die ihr Büro nicht selten in der Rhätischen Bahn aufschlägt. Sie arbeitet seit 35 Jahren als Journalistin, davon die meiste Zeit bei der Neuen Zürcher Zeitung. Dort galt sie als die inoffizielle Engadin-Korrespondentin, hat unzählige Geschichten im Tal recherchiert und Filmbeiträge produziert. Bekannt wurde sie auch mit ihrem Video-Blog «In fremden Federn», einer Serie von witzig-kritischen Hoteltests.

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