Wie Operndiven sind sie, die sieben 5-Sterne-Hotels des Oberengadin: Prachtvoll, kapriziös und eigenwillig.

Unsere Primadonnen

Auf die Idee für diesen Blogbeitrag hat mich das grosse Jubiläumsfest gebracht, welches das Badrutt's Palace am 29. Juli begangen hat. 120 Jahre ist in der Tat ein stolzes Alter und was soll's, dass man ja eigentlich eher die Vierteljahrhunderte feiert. Wenn es einen Anlass gibt, eine Party zu schmeissen, hat sich die glamouröseste der grossen alten Damen von St. Moritz noch nie lumpen lassen.

Das Geburtstagsfest

Wie es dem Stil des Hauses entspricht, wollte man zum Geburtstag natürlich etwas Besonderes bieten. Toll gelungen war, wie man der Historie die Referenz erwies. Die unglaublichen Geschichten aus 120 Jahren, die in der Open-Air-Galerie an der Via Serlas gegenüber dem Hotel noch  bis in den Winter hinein angeschaut werden können, sind spannend, sehr unterhaltsam und verdienen, dass man sich etwas mehr Zeit für sie nimmt. Da sieht man wie sorgsam das Hotel mit seiner Vergangenheit umgeht. 

Sorge trägt man auch dem Verhältnis zur einheimischen Bevölkerung. Wir alle lieben die jährliche Einladung Anfang Dezember zu Glühwein und den besten Guetzli des Tals beim Christmas Tree Lightning. Zum Auftakt der jetzigen Feierlichkeiten gab es nun Ende Juli einen riesigen Apfelstrudel und am Jubiläumstag selbst wurden Ballone mit dem Malojawind fliegen gelassen, die Gutscheine fürs Hotel enthielten.

Am Abend dann sollte es richtig prächtig werden. Man lud – treue Gäste, wichtige Partner und internationale Journalisten – zu einem venezianischen Maskenball. In alten Aufzeichnungen hatte man entdeckt, dass ein solcher in der Belle Epoque bis in die Zwanziger Jahre hinein immer wieder glanzvoll veranstaltet worden war. Damals waren es offenbar Musiker der Mailänder Scala gewesen, die aufspielten. Diesmal reichte es «nur» für das vor 30 Jahren enorm populäre «Rondo Veneziano», eine Barock-Pop-Gruppe, die ihre besten Zeiten aber definitiv hinter sich hat.

Ja, und das mit dem Ball klappte irgendwie auch nicht so richtig. Wie in der Schweiz halt so üblich, gab es nach dem üppigen Gala-Dîner und dem Konzert gegen Mitternacht niemanden mehr, der das Tanzbein schwingen wollte. Was später noch im Kings Club abging, entzieht sich allerdings meiner Kenntnis.

Das Hotel und seine Diva

Und nun komme ich auch zum eigentlichen Thema meines Blogs. Sieben Fünf-Sterne-Hotels hat des Oberengadin. Jedes ist auf seine Art und Weise grandios, eigenwillig und unverwechselbar. Es ist tatsächlich eine «Extravaganz der Kulturgeschichte», wie J. C. Heer geschrieben hat. Wo sonst gibt es ein solches Gastgeber-Niveau auf dieser Höhe und auf solch engem Raum? 

Grand Hotels, das sind die Primadonnen unten den Beherbergungsbetrieben. Und so möchte ich unsere Top 7 nun charakterisieren – mit der dazu passenden Diva.

Badrutt's Palace – Maria Callas

Das ist kein Hotel für Leisetreter. Hier wird dick aufgetragen, mit Leidenschaft agiert, und manchmal darf es auch ein bisschen frivol sein. Grosses Drama eben.

Suvretta House – Marlene Dietrich

Ein Ort der Perfektion. Vornehm, edel, diskret – manchmal vielleicht ein bisschen unterkühlt. Aber ganz sicher eine Klasse für sich. 

Kulm Hotel – Montserrat Caballe

Hier wird aus dem Vollen geschöpft. Es darf auch gern mal ein bisschen mehr sein. Berührungsängste hat man keine, auch nicht mit schrägen Typen. Schon immer eine Wucht, dieses Hotel. 

Carlton – Cecilia Bartoli

Erhaben im Auftritt, voll verspielter Lebensfreude im Innern. Ein Tessiner hat die Bühne üppigst ausgestattet. Grandezza mit Aussicht.

Kempinski – Anna Netrebko

Man liebt die grosse Geste, bleibt aber auf dem Teppich. Das Haus hat Stil ohne abzuheben. Hier fühlt sich die russische Seele ebenso wohl wie der Gast, für den es einfach funktionieren muss.

Kronenhof – Céline Dion

Verträumt und dynamisch, leichtfüssig und pompös – dieses Haus kann alles. Die künstlerische Substanz ist die schönste weit und breit. Doch es ist viel Disziplin, die hinter dem grossen internationale Erfolg steht. Zum Schwärmen.

Waldhaus Sils – Jenny Lind

Geliebt von Künstlern und Feingeistern, bezaubernd und entrückt. Wer hier logiert, taucht ein in eine andere Welt mit anderen Gewissheiten. Man fühlt sich sicher und behütet. Ein wahrer Zufluchtsort für empfindsame Seelen.

Ruth Spitzenpfeil

Pendlerin zwischen Zürich und dem Engadin, die ihr Büro nicht selten in der Rhätischen Bahn aufschlägt. Sie arbeitet seit 35 Jahren als Journalistin, davon die meiste Zeit bei der Neuen Zürcher Zeitung. Dort galt sie als die inoffizielle Engadin-Korrespondentin, hat unzählige Geschichten im Tal recherchiert und Filmbeiträge produziert. Bekannt wurde sie auch mit ihrem Video-Blog «In fremden Federn», einer Serie von witzig-kritischen Hoteltests.

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