Na, was denken Sie, was das sein könnte? Bild: Carla Sabato

Gelbes Schicksal

Alles was ich bisher von ihr gesehen hatte, war das WhatsApp-Profilbild. Grüne Pflanze, und im Hintergrund ein roter Perserteppich Sinn für Teppiche hatte sie auf jeden Fall. Aber wie sieht man einem Menschen an, dass er Sinn für Teppiche hat? Stellen Sie sich vor, Sie stünden vor dem Starbucks neben dem Polybähnli und müssten aus den vorbeigehenden Menschen DIE Frau erkennen, die einen Perserteppich besitzt. Aus Mangel an weiteren Hilfsmitteln ziehen Sie sich einen fancy gelben Regenmantel an, lassen dies die andere Person wissen, und warten, dass Sie der richtigen Person auffallen.

Da stand ich nun, wie ein gelbes Leuchtfeuer. Oder wie ein Ostfriese vor seinem Leuchtturm. Und liess mich von den Menschen begaffen. Überhaupt scheint dieser Mantel andere Menschen zu animieren, sich irgendwie offensiv zu benehmen. Vom Gaffen mal ganz abgesehen. 

„He, die Dame im gälbe Mantel, chanichsi öppis frage?“

„Wieso denn so schnäll unterwägs, gälbi Jagge?“

Dass der gelbe Mantel einmal einen Grund abgeben würde, jemanden salopp auf der Strasse anzuquatschen, hatten sich die Erfinder wohl nicht erträumt. Zum sogenannten "Friesennerz" gibt es auf Wikipedia allerhand Informationen: „Es handelt sich dabei um dauerhaft wasserdichte Textilien für Berufsfischer und den Segelsport. Sie zeichnen sich durch grosse Sichtbarkeit aus (leuchtendes Gelb, Orange). Die Beliebtheit des Fliesennerzes wurde als Verwirklichung des Kommunismus auf modischem Gebiet bezeichnet, da es wohl kaum jemanden gab, der diese Jacke nicht getragen hätte oder sich ihre Anschaffung nicht hätte leisten können.“ Passend zum Kommunismus gab es natürlich auch einen Hersteller davon in der DDR (der Mantel war übrigens vor allem in den 70er- und 80er-Jahren beliebt) - allerdings nicht besonders robust und verhältnismässig teuer. Quasi das gelbe Gegenstück zum Trabanten?

Ob teuer, kommunistisch oder nicht, heute erfreut sich dieser tolle Mantel leider nicht mehr dieser Beliebtheit wie noch vor dreissig Jahren. Ob es  an der beschränkten Atmungsaktivität liegen mag? Vielleicht regnet es auch einfach nicht mehr so oft wie früher. 

Sehr schade eigentlich. Der Mantel hat einfach nur Vorteile: Die gelbe Farbe macht gute Laune, lässt den Träger auf Regenwetter hoffen (wo gibts das schon?), und beweist stilistisch einfach Mut. Darüber hinaus macht einen der Mantel auf Anhieb bekannt. („Hey Carla, heute regnets, wo bleibt dein Regenmantel?“)
Übrigens, das Treffen mit besagter Whatsapp-Bekanntschaft verlief nicht ganz so wie geplant. Leider warteten wir nämlich jeweils vor einem anderen Starbucks. Ganz klischeehaft liefen wir dann schlussendlich in die gegensätzliche Richtung (in der Hoffnung einander irgendwo zu kreuzen) und erkannten uns auf Anhieb. Danke, gelber Regenmantel!

Filmreife Eigenschaften beweist der Mantel übrigens auch auf andere Weise. Als ich ein anderes Mal an der Tramhaltestelle auf mein Tram wartete (und meine Jacke gerade im Tramfenster bewundern wollte) erkannte ich, dass dahinter eine Frau sass. Mit einer aufgeschlagenen Engadiner Post in den Händen.

Carla Sabato

Carla Sabato, erstmals am 4.4. 1996 erwähnt, ist Bloggerin, ehemalige Praktikantin bei der Engadiner Post, temporäre Samednerin, Hobbyfotografin (liebend gerne in der Dunkelkammer), stolze Vegetarierin, Bücherwurm, How I met your Mother Verfolgerin, Hundehalterin, Gfrörli, Pashmina Schal-Sammlerin, Brocante- Gängerin, Frühaufsteherin, Pragmatikerin, schwarze Rollkragenpullover Trägerin, Teilzeit Existentialistin, Raus-aber-richtig-Frau, schlechte Autolenkerin, Studentin und Möchtegern- Vancouverite.

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11 Kommentare

Edith

08. Januar 2017

Geniale Story! Und ich dachte immer, dass das wasserabweisende Gelbe für "Hier-scheint-die-Sonne-trotz-Regen" produziert wurde.

Es gibt noch etwas Tolles um doof angemacht zu werden: Roter, weicher, langer Mantel mit Kapuze, mit weissem Kunstpelz verbrämt, dazu weisse Stiefelletten! Mein absoluter Teeniekleiderschatz - mit einem einzigen Makel: dümmliche Anquatsche!

Gratuliere Dir, dass Du den Mumm hast, nicht auf den wunderbaren Mantel zu verzichten!!!!


Käthi Weber

07. Dezember 2016

Hallo Carla

Super Blog, spannend und frisch geschrieben. Man kann sich alles bildlich vorstellen. Liest man deinen Blog scheint am Morgen schon die Sonne.

Ich hatte einen goldgelbe "kitchenaid" in meiner Küche und freute mich jeden Morgen über diesen tollen Farbtupfer, da konnte es draussen noch so düster und trüb sein, in meiner Küche schien die Sonne.

Carla mach weiter so!

 


Lilly Spring Matter

07. Dezember 2016

ein gelber Farbtupfer in schwarz-weisser Umgebung, leichtfüssig unterwegs, angenehm zu lesen. Allerdings: Kein Stolperstein, nichts, was einen beim Lesen innehalten lässt, was einen fragen lässt: Wer ist das, was will sie? Das müsste sich aus einer Reihe von Texten ergeben. Der einzelne Blogtext sagt nur aus, ob jemand schreiben kann oder nicht: sie kann es.


Viktor Matthys

06. Dezember 2016

Interessanter Artikel, wieder etwas Neues gelernt!

Ich hatte mir bisher noch keine Gedanken darüber gemacht; weder über die Herkunft eines solchen Mantels, noch über die Wirkung, den er anscheinend auf andere Mitmenschen hat. Dass manche Menschen ein solches Kleidungsstück als Einladung zum frech Anquatschen sehen ist doch etwas bedenklich.

Trotzdem wäre es noch interessant zu erfahren, was die Person, die fragte, ob sie fragen darf, eigentlich wissen wollte? Oder wurde der Fragende mit einem einfachen "Nein." abgewehrt?

 

Übrigens ist eine speziell sichtbare Kleidung nicht zwingend nötig, um ausgefragt zu werden. Manchmal reicht auch das blosse Herumstehen bereits aus. Ich wurde beispielsweise in der Migros - als ich auf jemanden wartete - von einem älteren Herren über den genauen Platz von verschiedenen Produkten ausgefragt, obschon ich weder Kleidung in Migrosfarben noch Namensschild trug (ich gab, wenn auch ein wenig verwirrt, Auskunft, so gut ich konnte).


Cecilia

06. Dezember 2016

Eine wirklich gute Geschichte, spannend und unterhaltsam geschrieben, Kompliment, Carla!


Maurice

05. Dezember 2016

Dieses Kleidungsstück ist wirklich sehr nützlich. Ich habe eine weniger auffällige Farbe gewählt, kann mich deshalb diskret und ungestört durch die Stadt bewegen, bin zudem allwettertauglich, und nutze - wie "Carla in Gelb" auch - jede Gelegenheit, aufmerksam meine Umgebung und meine Mitmenschen wahrzunehmen.


Beat Antonietti

04. Dezember 2016

...mein Ablaufdatum ist anscheinend schon seit geraumer Zeit abgelaufen, da ich weder Sinn noch Zweck solcher "Blocs" erkennen kann.... äxcüsi... mein Jahrgang deutet auf "Fossil' hin...????! Was ich daraus erkennen kann sind sehr gute Sprachkenntnisse, äusserst gute Beobachtungsgabe und sehr präzises und witziges Wiedergabe-/Schreibbtalent...!!!????

Gott sei Dank, dass ich schon in den 70-Jahren Ausschau nach einer passenden Partnerin tätigte.....das Profil von Carla würde bei mir Mangelerscheinungen in "fleischlicher" und "automobiler" Hinsicht auslösen...!!!???????????? Es Grüessli u äxcüsi...!!!


Martin

04. Dezember 2016

Wundervolles Happy End für die Engadiner Zeitung!


Karin Schächtele

03. Dezember 2016

Artikel einer angehenden Schriftstellerin :).


Axel

28. November 2016

Echt unterhaltsam Dein Artikel, solltest öfters bloggen, das mit dem gelben Mantel merke ich mir, wenn ich wieder mal Lust habe angequatscht zu werden, tolle Idee, funktioniert das auch gendermässig ?! HG Axel


Nora Illes

25. November 2016

Höhö das ist cool. Ganz viel Arbeit! was?