Das Smarphone: Eine unvermeidliche Beilage auf praktisch jedem Tisch. Bild: Ruth Bossart

Segen und Fluch – eine revolutionäre Erfindung wird zehn

Ein handyloser Tag – ein echter Killer: Ich kenn die Zeit nicht, kann meine Mails nicht checken, weiss nicht, was aktuell auf der Welt läuft und muss mein öV-Ticket am Automaten lösen. Ich kann nicht mal die Telefonnummer meines Mannes wählen – ich weiss sie nämlich nicht auswendig, denn sie steht im Handy-Telefonbuch. Auch die verschiedenen Passwörter von Kreditkarte, Klassen-Webseite meines Sohnes oder die Nummer des Kofferschloss’: all dies hütet mein smartes Gerät. 


Manchmal versuche ich mir vorzustellen, wie ich lebte, als es weder i-Phone, Galaxis und so gab. Wie wusste ich vor FB und Instagram, was meine Freunde rund um den Globus umtreibt? Wie habe ich meine Termine ohne Alarmfunktion gemanagt? Wann die Zeitung gelesen oder TV geschaut, wenn ich  auf Achse bin? Musik hörte ich aus einem gelben Sony-Walkman – das weiss ich noch gut. Mit Kassetten, die sich immer wieder ein ungerades Mal verhedderten. Heute – während ich diese Zeilen tippe – stecken meine Kopfhörer im Wundergerät und ich habe die Wahl zwischen 500 Titeln – von Goldbergvariationen, Europop bis Globi auf dem Bauernhof.


Das Gerät bescheidet allerdings nicht nur Freude und Friede. Wenn ich einen Telefonanruf ignoriere, dann wird sofor per E-Mail nachgefasst. Einem SMS folgt ein Whatsapp und wenn ich mein Telefon aus Versehen auf dem Nachttisch lasse, vibriert und blitzt es die ganze Nacht: es gibt keine Ruhezeit für Push-Nachrichten. Vor dem Aufstehen – das Telefon ist natürlich auch mein Wecker – sehe ich schon all Schrecklichkeiten, die sich zugetragen haben, während ich schlief.


Nachdenklich stimmt mich, wenn ich im Restaurant sitze und rund um mich herum an jedem Tisch dutzende Handys gezückt sind. Kürzlich sass ich gegenüber einer lieblich gedeckten Tafel mit Kerzen, Herzen, zwei weissen Schwänen. Offensichtlich ein Tisch für ein spezielles Tete-a-Tete. Doch statt sich verliebt in die Augen zu blinzeln, starrten beide auf ihre Screens, tippten, scrollten - jedeR für sich.


Zählen Sie mal die Handys an der Busstation, im Zug, beim Warten auf die Gondelbahn oder – besonders beliebt im Istanbuler Verkehrsstau – am Steuer. Ich gehöre auch zu jenen, die verzweifeln, wenn sie warten müssen und kein 4G oder Wifi haben. 


In einen Schockzustand wurde ich kürzlich katapultiert als ich auf dem Weg zum Flughafen feststellte, dass mein Mantelsack leer war. Ich hatte mein Telefon daheim vergessen, am Ladekabel.  Keine Emails, kein Telefon, keine Musik, kein Twitter, kein Garnichts. Nicht erreichbar für zwei Tage.


Ich hatte keine Wahl. Den Flieger bestieg ich handylos, den Tag verbrachte ich ohne einen Anruf, ohne E-Mails. Nachdem ich den ersten Entzug überwunden hatte, begann ich, den handyfreien Tag zu geniessen. Keine Anrufe mitten im Interview, keine Hiobsbotschaften von der Kriegsfront, keine ärgerlichen E-Mails aus dem Büro. Und das Erstaunlichste: Als ich nach zwei Tagen mein Smartphone wieder hatte, gab es zwar ein paar unbeantwortete Anrufe, ein paar SMS oder Whatsapp-Nachrichten und Emails. Doch niemand war ungehalten und alle voller Empathie. Zwei handylose Tage müssen die Hölle gewesen sein.


Ich habe sie genossen – und werde dieses Experiment bald wiederholen – vielleicht ausgerechnet am runden Geburtstag der wunderbaren Erfindung, 9. Januar 2017.

Ruth Bossart

Ruth Bossart berichtet für das Schweizer Fernsehen aus Indien und anderen südasiatischen Ländern. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn Samuel seit dem Sommer 2018 in Mumbai. Laufen, Ski- und Velofahren gelernt hat Samuel in Pontresina und Zuoz, bevor die Familie 2010 nach Singapur und später in die Türkei zog. Jedes Jahr verbringen die Drei aber immer noch mehrere Wochen im Engadin – nun nicht mehr als Einheimische, sondern als Touristen.

 

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