Nicht den Champagner ausschütten

Dieser Blog ist akut gefährdet. Ihm wird die Lebensgrundlage entzogen. Und zwar von der Gemeinde St. Moritz. Deren Tourismuskommission hat eine neue Strategie (EP-Artikel vom 29.12.16) verkündet und demnach will sich St. Moritz neu erfinden. Man wolle weg vom «Cüpli-Pelzmantel-Image», heisst es. Nix mehr Glamour, nix mehr Luxus. 


Das ist ein Schlag für jemand, der hier in der Abteilung Lifestyle & People die Leser unterhalten soll. Welches Titelbild hat die EP doch gleich für diese Blog-Kategorie gewählt? Natürlich ein schickes Pärchen, das sich mit Champagner zuprostet. Damit  soll jetzt Schluss sein. Fertig lustig. Ja, was machen ich und meine Blogger-Kollegin bloss, wenn dieser Plan aufgeht? Wenn die letzte Pelzträgerin vergrault ist, wenn kein High-Class-Event mehr das Partyvolk anlockt und Valentin Comestibles mangels Nachfrage seine Geschäftsbeziehungen zu Frankreich abbrechen muss? Worüber berichten, wenn Gäste, die Extravaganz lieben, die das Besondere suchen, die gern ihr Geld für Schönes und Fantastisches ausgeben, sich nicht mehr willkommen fühlen? 


Die seit 2007 bestehende gemeinsame Vermarktungsorganisation für das Oberengadin habe St. Moritz in die Luxussparte gedrängt, meint Richard Dillier, der Präsident der kommunalen Tourismuskommission. Was ist das für eine Aussage? Man könnte fast meinen, St. Moritz sei vorher ein beschauliches Bauerndorf gewesen und nicht der Ferienort mit der höchsten Dichte an 5-Sterne-Hotellerie der Alpen.


Womit und welche Gäste will St. Moritz nun anlocken? Man setze auf Sport, Kultur und Natur, erklärt Gemeindepräsident Sigi Asprion die neue Strategie. Alles andere, was den legendären Ruf des Ortes bisher ausgemacht hat, will man in Zukunft eher unter dem Deckel halten. 


Wiederholen wir doch mal, was Werbestrategen seit jeher predigen: Es kommt auf den USP (unique selling proposition) an. Marketing ist dann erfolgreich, wenn ein Alleinstellungsmerkmal vermittelt werden kann, wenn etwas Einmaliges gefunden wird, was das Produkt von allen anderen Mitbewerbern abhebt und unterscheidet. Hmm. Sport, Kultur und Natur – da ist sicher noch kein anderer Ferienort drauf gekommen. 


Sicherlich, Sigi Asprion hat recht. Die Zeiten haben sich geändert und mit ihnen die Rahmenbedingungen der Tourismuswerbung. Die alten Rezepte und Gewissheiten eines Hanspeter Danuser greifen nicht mehr. Aber man soll nicht gleich das Kind mit dem Champagner ausschütten. Nicht Stil und Klasse leugnen und den Anspruch, etwas Besonderes zu sein, aus den Augen verlieren. Das Schlimmste, was St. Moritz passieren kann, ist Beliebigkeit. Dann kommt nämlich niemand mehr. Nicht die Superreichen, die schon alles gesehen haben, nicht die bunten Vögel und kreativen Köpfe – aber auch nicht jungen Aktiven, nicht die sportlichen Familien, nicht all die Neugierigen und Abenteuerlustigen.


Denn eines habe ich gelernt von meinen Reisen zu den Sehnsuchtsorten dieser Erde. Es braucht immer beides: Die Exklusivität und die Masse, die Promis und diejenigen, die sie bestaunen, das Cübli und das Rivella. Fehlt eines davon, wird es langweilig. 

Ruth Spitzenpfeil

Pendlerin zwischen Zürich und dem Engadin, die ihr Büro nicht selten in der Rhätischen Bahn aufschlägt. Sie arbeitet seit 35 Jahren als Journalistin, davon die meiste Zeit bei der Neuen Zürcher Zeitung. Dort galt sie als die inoffizielle Engadin-Korrespondentin, hat unzählige Geschichten im Tal recherchiert und Filmbeiträge produziert. Bekannt wurde sie auch mit ihrem Video-Blog «In fremden Federn», einer Serie von witzig-kritischen Hoteltests.

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4 Kommentare

reto g gaudenzi

07. Januar 2017

Auf den Punkt gebracht! St Moritz ist ein Luxus Produkt und muss als solches vermarktet werden! Wie die "Bloggerin" beschreibt es braucht beides,

Luxus und einfache Angebote. Man muss weg von der 0-8-15 strukturierten Tourismus Vermarktung zum Luxus Produkt Marketing, dann wird auch das einfache Angebot automatisch verkauft ! Bekanntlich kommt Regen und Vermarktung von Oben nach Unten!

Reto G Gaudenzi, Engadiner, founder und CEO Snow Polo World Cup St Moritz


Samuel Küng

06. Januar 2017

St. Moritz wurde schon lange von anderen Destinationen überholt. War nie ein Geheimnis und hat sich schon länger abgezeichnet. Die Gründe sind ebenfalls bekannt, nur wollte man nicht Ändern. Nur in St. Moritz war man überzeugt dass es trotz Stillstand weitergeht. Neue Konzepte sind die einzige Möglichkeit, die Region zu erhalten. Aber diese neuen Konzepte sind mit grossen Veränderungen verbunden. Eine dieser Veränderungen wird wohl sein, dass Sie kein Material mehr für Ihren Blog haben. Ein Verlust der ohne Weiteres tragbar ist.


Mer Bea

05. Januar 2017

St. Moritz, für mich alles in allem ein hässlicher „Betonklotz“ – keine Natur – kein Park

Betonklotz im Sommer: Keine Touristen

Betonklotz im Winter – Schwarzgeldbesitzer - Steuerbetrüger

 


martin vollenweider

05. Januar 2017

ST MORITZ TRÄGT SICH SELBER ZU GRABE MIT DIESER ANGEBLICHEN NEUEN STRATEGIE. ABER WENN MAN IN BÄLDE GANZ AM BODEN IST KANN ES NUR NOCH AUFWÄRTS GEHEN.