Tunnelblicke auf die Strasse führen manchmal zu einer Häufung von weissen Autos. Foto: Carla Sabato

Wenn Plastikkübel zu Säcken werden und Lieferwagen die Strassen beherrschen

…dann befindet man sich höchst wahrscheinlich in der Schweiz. Dass ich mich gerade in diesem Land befinde, ist mir erst vor kurzem so richtig klar geworden, als Zeit für die Grüngutabfuhr war. Neben all den normentsprechenden schwarzen Containern stellte unsere Wohngemeinschaft einen Plastikkübel mit Ästen zur Abfuhr hin. Resultat war ein giftoranger Aufkleber auf besagtem Kübel: «Der bereitgestellte Abfall wurde aus folgendem Grund nicht abgeführt: Kompostierbare Abfälle dürfen nicht in Säcken bereitgestellt werden». Na sowas aber auch. Da hatte der allgemeine Bünzlimeister wohl die Definition für «Sack» geändert, ohne mir davon etwas zu erzählen. Spannend waren übrigens auch die anderen Möglichkeiten auf diesem Aufkleber, weshalb der Abfall nicht mitgenommen werden konnte: 

Der Abfall ist gepresst. (Ups, darf man auf den Abfall nicht mehr draufstehen, um mehr in die Tonne zu bekommen?)
Der Behälter entspricht nicht der Norm. (Ach so, darf wohl nur bestimmte Farben und Muster haben)
Überfüllter Container. (Wohl auch Norm. Jeder Schweizer darf pro Jahr nur eine bestimmte Anzahl Kubikmeter aus seinem Garten entsorgen. Pflanzen, bleibt so klein wie möglich!)
Behälter/Container ist zu schwer. (Erwischt! Da hat jemand zu wenig Spinat gegessen.)
Das Material ist im Behälter angefroren. (Bedeutet das, man muss morgens den Abfall anföhnen, bis die Abfuhr kommt?)

Entschuldigen Sie den mokierenden Ton, alles braucht schliesslich seine Regeln, sonst würde man ja nirgends hinkommen.
Ähnlich zwanghaftes Verhalten konnte ich erschreckenderweise auch bei mir selbst ausmachen. Sie wissen ja, dass ich mittlerweile eine neue Bleibe habe. Und wer eine neue Bleibe hat, muss bekanntlich auch zügeln. Und packen. Nur blöd, dass sich entgegen meiner Vorsätze so viel Zeug angehäuft hat, das unbedingt mitkommen möchte. Resultat: ein grösseres Auto musste her, um die ganze Schwetti in einer Fahrt nach Zürich zu bekommen. Also ein Auto reserviert. Leider gab es kein Foto, nur eine Beschreibung der Fahrzeugmarke, die ich also panisch googelte. Mit verschiedenen Resultaten, von sehr gross bis annehmbar. Welches Auto würde ich nun bekommen? Was ist, wenn mich Leute damit sehen? Was würden die neuen Nachbarn, ja die Mitbewohner sagen, wenn ich mit einem riesigen Lastwagen anfahren würde? Macht das nicht einen Eindruck, der nach Messie riecht? Ist sowas nicht voll peinlich? 

Passend zu diesen Gedanken scheinen seither auf den Strassen plötzlich nur noch weisse Zügel- und Lieferwagen zu fahren. Überall. Egal ob ich selbst Auto fahre, aus dem Zug auf eine Autobahn schaue oder eine Strasse zu Fuss überquere: Als Erstes sehe ich immer weisse Lieferwagen.
Schrecklich. Meinen Sie, sowas geht wieder weg? Für den Fall der Fälle, dass ich nun für immer Lieferwagen beobachten muss, und am Zügeltag tatsächlich einen Lastwagen erhalte, hätte ich da einen Plan. Lastwagenfahrer haben doch oft solche Nummernschilder an der Windschutzscheibe der Fahrerkabine kleben. Statt Zahlen stehen darauf Namen wie: «Besche», «Ändu», oder «Schnuderi». Ich könnte mir ja vorsorglich auch so eins besorgen, für den Fall, dass ich tatsächlich in Zukunft mit Lastwagen unterwegs sein würde. Nur mit welcher Aufschrift?  «Engadinerin?» (schön wärs, ja.) «Dilettantin»?

Oder vielleicht einfach: «Schweizerin». 

Carla Sabato

Carla Sabato, erstmals am 4.4. 1996 erwähnt, ist Bloggerin, ehemalige Praktikantin bei der Engadiner Post, temporäre Samednerin, Hobbyfotografin (liebend gerne in der Dunkelkammer), stolze Vegetarierin, Bücherwurm, How I met your Mother Verfolgerin, Hundehalterin, Gfrörli, Pashmina Schal-Sammlerin, Brocante- Gängerin, Frühaufsteherin, Pragmatikerin, schwarze Rollkragenpullover Trägerin, Teilzeit Existentialistin, Raus-aber-richtig-Frau, schlechte Autolenkerin, Studentin und Möchtegern- Vancouverite.

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4 Kommentare

Hannes Gasser

06. April 2017

Jaja, je Amtsschimmel desto wiehert er! Gerade auf dem Gebiet von Recycling und Abfallverwertung und -beseitigung! Auch bei mir schüttelt sich jeweils der Kopf und knirschen die Zähne. Die Leute in den Amtsstuben müssen ihr Bürodasein halt immer wieder rechtfertigen. Was dort dem Einen an Regelbarem nicht in den Sinn kommt, das fällt sicher einem Andern ein. Denken wir! Aber ich füge mich und folge gehorsam der Vorschrift! Ich sehe doch, was da alles an Sammelstellen durch liebe Mitmenschen an Undefinierbarem und Absonderlichen klammheimlich illegal deponiert wird. Und stelle mir die armen Gemeindearbeiter vor, die sich mit dem Zeug tagtäglich und ebenfalls zähneknirschend herumschlagen müssen. Immer dann überlege ich mir, warum ich mich eigentlich füge. Bin ich und sind alle ebenso braven Mitbürger, sind wir deshalb jetzt Spiesser und Bürger ohne Füdli? Oder wird uns nur ab und zu klar, dass wir unterdessen auf der Erde so viele Menschen geworden sind, dass unsere Gesellschaft nur funktioniert, wenn sich möglichst alle an Regeln halten? Das Urteil sei Ihnen überlassen...

Übrigens: Das mit dem Zügeltrauma? Keine Sorge, das verliert sich spätestens nach erfolgtem Einhausen sofort wieder. Ist ja nicht mehr von Belang! Und "Dilettantin" würde ich auch nicht an die Windschutzscheibe kleben - es glaubt's ja doch keiner!


Viktor Matthys

03. April 2017

Interessant finde ich ja, dass sich der- oder diejenige die Mühe gemacht hat, einen Zettel draufzukleben und (wenigstens) etwas darauf anzukreuzen, aber das Entsorgen oder das wohl Zutreffendere anzukreuzen (oder wozu sonst dient "Der Behälter entspricht nicht der Norm."?) war dann wohl doch zu viel Arbeit...

 

Aber ich mag die Vorstellung, wie jemand tatsächlich an einem verschneiten Wintermorgen im Morgenmantel draussen steht und mit Verlängerungskabel und Fön den Abfallbehälter auftaut.

 

Nebenbei: Karton darf man bekannterweise nicht einfach in einer grösseren Kartonschachtel vor die Türe stellen, sondern muss man zusammenfalten und bündeln. Auf eine Anfrage im Recyclingcenter, ob sie ernsthaft erwarten, dass um Kleinstkarton (Küchen-/WC-Papierrollen) ein Schnürchen gebunden werden muss gab eine Mitarbeiterin zur Antwort "Kann man machen, oder einfach in den Müll werfen!" - und das nennt sich dann Recycling; na, schönen Dank auch!


Edith

02. April 2017

Köstlich beschrieben! Treffend! Das pure Leben!

 

Ich denke mir: der Grünabfuhrbehälter muss so klein sein, damit die Leute nicht ihr Velo drin parkieren :oD


Cecilia

30. März 2017

Oh, du meine Güte, Carla! Ich musste laut herauslachen während ich Deinen Bericht las. All diese Regeln rund um den Abfall. Weisst Du wie es in gewissen Orten hier in den USA ist? Wir müssen das Recycling Material in separaten Kübeln vors Haus stellen. Dann kommt der Typ mit dem offenen Lastwagen und schmeisst einfach alles wild durcheinander hinein. Aber! Und das ist das Lustige. Wenn wir versehentlich Karton in den grünen Kübel tun statt in den blauen, lässt er es stehen. Oh, Mann! Danke für Deinen tollen Text, Carla! Ich werde ihn wieder lesen, nur weil Du es so lustig geschrieben hast.