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Als geflügelte lila Fee in Halle 1 verschwinden

Die Glashalle in Leipzig war mir bereits angekündigt worden als "kühler Schwung gen Himmel" mit mediterranem Flair, eine imposante Bogenkonstruktion aus Stahl, sie hält 25'000 Quadratmeter Glas, die grösste Vollglashalle Europas, 45'000 Menschen können in diesem riesigen Wintergarten bei den Magnolien stehen und gen Himmel schauen. Ich trat ein, staunte und schrumpfte, ich mutierte in eine Magnolie oder eher in eine Ameise, denn ich bewegte mich ja noch, ich krabbelte mechanisch durch die Menge, eben hatte eine Stichflamme meinen Selbstwert an der Würstchenbude weggrilliert, das Portemonnaie mit meiner Identitätskarte trug meine Tochter, die mich begleitete. Ich ahnte die 2439 Aussteller aus 43 Ländern und 208'000 Besucher.

Das Wissen um mich, wer ich bin oder sein könnte, war weg, weggeblasen von diesem Gigantismus, vom Gefühl, in der Masse unterzugehen und zertrampelt zu werden, vom Staunen, wieviele Fernseh- und Radiostationen da waren, Lese-Sofas und Interview-Sessel, Diskussionsrunden mit bedeutenden Standpunkten, ich wurde überrollt, auf der Buchmesse lesen 400 Autoren, fünf grosse Hallen gingen vom pompösen Eingang ab, wo sich Berge von Neuerscheinungen gestaffelt erhoben, Verlag an Verlag warb, was manchen Kommentatoren als gemütlich gilt. Ungemütlich war es nicht. Auch nicht unangenehm. Ich war einfach eine Weile nicht mehr vorhanden. Dann packte ich die innere Pumpe aus und blies mich wieder auf zu Romana Ganzoni, die weiterging, um aus ihrem Buch zu lesen, das in Halle 3 wartete.

Die als Manga- und Animefiguren, Superheldinnen, Bösewichte verkleideten Cosplayer taten mir gut, ich hatte solch buntes Volk nicht erwartet, dabei findet hier jedes Jahr die Manga-Comic-Convention statt, ein Event für Manga, Anime, Comic, Games und Cosplay. Wenn die Cosplayer nicht mehr wissen, wer sie sind, wissen sie immerhin noch, wen sie darstellen. Famos! Wie gerne wäre ich mit ihnen in Halle 1 auf Nimmerwiedersehen verschwunden, zum Beispiel als hörner- und flügeltragende Elfe in Lila. Oder als Jack Sparrow. Oder könnte ich dieser riesige Roboter sein? Er pflügte in seiner Kartonpracht die Anderen beiseite, ganz wie ein packendes Buch.

Die Luft wird uns allen regelmässig abgelassen. Schon als Kind beim Metzger, wenn ich für mein Gratis-Lyoner-Rölleli anstand und von einem Erwachsenen geheissen wurde, Platz zu machen. Oder wenn wir in einer anonymen Masse stecken, den Text nicht können, verlegen sind, überrollt oder übergangen werden, aktiv zusammengestaucht oder ungerechte Behandlung erfahren. Dann sind wir kurz desorientiert und nichts Definiertes. Was für eine interessante Lücke! Und dann pumpen wir uns wieder auf. Nicht zu prall, sonst knallts, mittel ist am besten - und wir machen weiter. 

Ich habe übrigens an der Buchmesse zwei Mal gelesen, und es war prima.

Romana Ganzoni

Romana Ganzoni (1967 in Scuol geboren) ist Autorin und wohnt in Celerina/Schlarigna. Nach 20 Jahren als Gymnasiallehrerin publiziert sie ab 2013 Romane, Erzählungen, Gedichte, Essays, Kolumnen und Radiobeiträge. Nominiert für den Bachmannpreis. Gewinnerin Essay-Wettbewerb Berner Bund. Werkbeitrag Kanton Graubünden. Bündner Literaturpreis.

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