Foto: Franco Furger

Wassermanagement auf 2731 m ü. M.

Auf 2731 Meter Höhe sind die Gäste richtig gut drauf. Das liegt wahrscheinlich an den Glückshormonen, die ins Fliessen kommen, sobald sie auf die Terrasse der Segantinihütte treten: Puh, endlich oben angekommen! Wow, was für eine Aussicht! Wenn das erste Hochgefühl am Abklingen ist, kommen meist Hunger- und Durstgefühle auf. Und so ist es für den Hüttenbuben ein Leichtes noch ein Würstchen zur Suppe und eine Himbeerwähe zum Kaffee zu verkaufen.

Nach dem Essen haben die Gäste dann oft Fragen. Zum Beispiel: „Wo sind eigentlich die Steinböcke?“ – „Also gestern, da grasten zehn mächtige Böcke gleich dort drüben; aber heute sind sie leider woanders. Vielleicht sind sie morgen wieder hier.“ Oder: „Kann ich bitte noch meine Trinkflasche mit Wasser auffüllen lassen?“ – „Nein, tut mir leid, hier oben haben wir leider kein Trinkwasser.“ 

Steinböcke sieht man immer wieder in der Nähe der Segantinihütte. Foto: Franco Furger

Auf Berghütten ist Wasser ein knappes Gut. Warmes Wasser erst recht, da es zuvor mit kostspieligem Gas abgekocht werden musste. Die tägliche Reifeprüfung im Wasserhaushalten ist der Abwasch: Wie kriege ich mit möglichst wenig Heisswasser alles perfekt sauber? Und zwar so, dass keine Lauchreste an den Suppenschüsseln und Eigelbfetzen an den Gabeln kleben bleiben.

Anfangs Saison erfolgt die Wasserversorgung der Segantinihütte mittels Dachrinnenwasser, das in Eimern gesammelt wird. In der Saison steht dann glücklicherweise auch Quellwasser zur Verfügung. Jedoch liegt die Quelle rund 4 km weit entfernt am Fusse des Piz Languard auf einer 23 Meter höhergelegenen Ebene.

Und wie kommt das Wasser von da bis in die Hütte? Eine Lektion in praktischer Physik bekam der Hüttenbub, als er mit Hüttenwart Anselm die Wasserleitung anschliessen durfte. Zuerst ersetzten wir in der Quellfassung den grossen Plastikbottich, der alte war im Herbst kaputt gegangen, und schraubten den Schlauch an das Gewinde am Bottichboden. So weit, so einfach. Doch anschliessend mussten wir die gesamte Leitung auf undichte Stellen kontrollieren. Das bedeutet, wir liefen fünf Stunden lang durch unwegsames, steiles und steinschlaggefährdetes Gelände. Das Ganze dauerte so lange, weil wir die Leitung zusätzlich alle 50 Meter entlüften mussten, was jedes Mal fünf bis zehn Minuten dauerte. Kurz vor dem Eindunkeln war auch der letzte Abschnitt entlüft und der 600 Liter Tank unter dem Hüttendach angeschlossen. Und tatsächlich: Am nächsten Morgen war der Tank gefüllt und endlich gab es fliessend Wasser in der Küche.

Mit neuem Wasserbottich auf dem Rücken gings los Richtung Quelle. Foto: Franco Furger

Faszinierend, wie man Wasser kilometerweit durch einen dünnen Schlauch leiten und dabei Höhen und Senken wie von Zauberhand überwinden kann. Möglich ist dies dank „kommunizierenden Gefässen“ und „hydrostatischem Paradoxon“, wie mir Wikipedia erklärt: Sind zwei Gefässe miteinander verbunden, so ist der Wasserspiegel in den beiden Gefässen auf gleichem Niveau, egal welche Form die Gefässe haben. Deshalb kann ein kleiner Wasserbottich bei der Quelle einen grossen Tank in der Hütte füllen.

Na also, das Wasser fliest. Und warum bekommt der Gast trotzdem kein Wasser in seine Trinkflasche gefüllt? Dies verbietet das Lebensmittelgesetz, das auch oberhalb von 2700 Metern gilt und kontrolliert wird. Es besagt: Wasser darf nur abgekocht, als Suppe oder Tee, oder verpackt, als Passugger oder Bier, abgegeben werden. Ausserdem: Das fliessende Wasser kann jederzeit versiegen, wenn es wie letzte Woche gefriert oder ein Stein ein Loch in die Leitung schlägt. Dann sind wieder langwierige Spaziergänge im Gelände angesagt. Immerhin, die Aussicht ist dabei stets top.

Die Aussicht ist entlang der Wasserleitung (Schlauch rechts im Bild) immer grandios. Foto: Franco Furger

Franco Furger

Franco Furger, 1974 geboren, ist in Pontresina aufgewachsen. Er maturierte am Lyceum Alpinum Zuoz und tourte als Profi-Snowboarder um die Welt. Später liess er sich zum Journalisten ausbilden. Er arbeitete als freier Texter, Medienkoordinator bei Swiss Ski, Redaktor bei der Engadiner Post, World Cup Organisator und Mediensprecher der Corvatsch AG. Im Sommer 2017 war er als Segantini-Hüttenbub und -Blogger tätig. Inzwischen arbeitet Franco wieder im Tal, er ist freischaffender Texter bei Cloud Connection und bloggt neu über Lifestyle-Themen.

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7 Kommentare

Katharina von Salis

01. September 2017

Und wie ist es mit dem Wasser weiter gegangen? Gab's den ganzen warmen Sommer genug, oder ist die Quelle ausgetrocknet?


Franco Furger

06. Juli 2017

Lieber Christof, danke nimmst du mich in den Wasserleitungsprüfer-Club auf. Ist mir eine Ehre.


Christof Feichtinger

05. Juli 2017

Franco,

Schöner Bericht und: wilkommen im elitären Club der Wasserleitungsprüfer-Gehilfen der Segantinihütte! ????


Andreas Meier

04. Juli 2017

Interessanter Bericht! Erwähnenswert ist aber auch, dass auf diesem traumhaften Logenplatz in den Engadiner Bergen, nebst der fantastischen Aussicht auch ein tolles, motiviertes und seeehr gastfreundliches Team die Besucher umsorgt!

Ein grosses Kompliment. Genossen heute bei euch Gerstensuppe und Veltliner und wünschen dem ganzen Team einen super Hüttensommer!!!


Chris

04. Juli 2017

Geilo, was die Kumpels von früher alles so treiben! Go for it Franchi!


Franco Furger

04. Juli 2017

Danke. Ja, ist in der Tat wunderbar auf der Segantinihütte.


Michael Hänz

04. Juli 2017

Bravo, wunderbar !!