Foto: Gianna Olinda Cadonau.

Plädoyer

Frage: Erkennst du Mobbing, wenn es in deinem Umfeld passiert? Antwort: Mmh. (Gemeint ist, „Weiss nicht, wahrscheinlich schon“). Frage: Könntest du der Whistleblower sein, wenn du um illegale Machenschaften irgendeiner Art wüsstest? Antwort: Mmh. (Gemeint ist hier, „Keine Ahnung, das kommt auf die Umstände an, wie schlimm sie sind, was ich verlieren könnte und überhaupt“).

Zugegeben, die Frage mit dem Whistleblower ist schon eher theoretisch gemeint, da es in unseren Breitengraden selten vorkommt, dass er was zu erzählen hätte. Kommt es dann doch einmal vor, wallt ein Gerechtigkeitssinn in mir hoch, so richtig schön, mit Aufbegehren, Empörung und allem drum und dran. Ich diskutiere mit Freundinnen, Kollegen. Wir kommen auf allerhand Ungerechtigkeiten zu sprechen. Kleine zwar, aber natürlich ist es gerade da wichtig, aufmerksam zu sein. Da sind wir uns einig. Ich bringe mich dabei als standfeste Person ein, die sagt, was sie denkt und zu dem steht, was sie sagt. Die Diskussionen sind gross, die Argumente gewichtig. Gut, wir sind gerade dabei das kleine Jubiläumsfestival der La Vouta (www.lavouta.ch) vorzubereiten. Es beginnt mit dem Stück „Eine nicht umerziehbare Frau – Anna Politkowskaja“, die Geschichte einer Frau, die unter widrigsten Umständen und trotz Drohungen auf ihr Recht auf Meinungsfreiheit besteht. Und ja, dazu lese ich gerade Arundhati Roy, die von sich sagt, Sprache sei die Haut ihrer Gedanken, die alles beim Namen nennt, einschätzt und einordnet. Wie ein sprachgewaltiger energischer Seismograph der indischen Gesellschaft im Besondern und der zivilisierten Gesellschaften im Allgemeinen. Da kann ich dann doch nicht mithalten. Mein Alltag spielt in gesittetem Umfeld, da muss ich selten Redlichkeit und Anstand unter Beweis stellen.

Und doch. Auch in meinem Alltag gibt es eine unsichtbare Linie. Auch hier gibt es frauenfeindliche Bemerkungen, rassistisches und anderweitig abschätziges Verhalten. Entweder stehe ich dann für meine Werte ein, oder ich nehme eine Abkürzung. Ich lasse es gut sein, schweige, warte, bis jemand anderes etwas sagt und die Situation ganz einfach vorüber geht. Leise und leicht beschämt über meine noch eben gehaltenen grossen Reden überschreite ich die unsichtbare Linie.

Es ist nicht die Moral, die diese Linie zieht, nicht eine allgemeingültige Ordnung, der wir uns beugen, um gute Menschen zu sein. Es ist ein Ideal von uns selbst. Axel Hacke kommt in seinem Buch «Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen» zu dem Schluss, dass wir nur bei uns selber beginnen können. Sind wir die, die wir sein wollen? In den Untiefen der sozialen Medien, im Job, zu Hause, am Schalter? Das klingt nach billigem, naivem und vor allem abgelutschten Persönlichkeitsentwicklungs-Kalenderspruch. Aber es klingt auch pragmatisch. Und warum immer über das ganze komplexe Gefüge unserer Gesellschaft und deren Verhaltenskodex nachdenken wollen? Denn ein Bild der besten Version von mir habe ich schon. Sie sagt, was sie für Richtig hält, steht dazu und sagt es anständig. Sie ist klar und ehrlich. Auch in scheinbar unverfänglichen Fragen. Sie zeichnet die unsichtbare Linie. Die will ich sein.

Frage: Mamma, Wölfe sind böse Tiere, oder? Antwort: Nein, sie sind nicht böse, aber gefährlich, schliesslich sind es Raubtiere. Sie sind einfach. Weder gut noch böse. Wie der Berg auch und der Fluss.

Gianna Olinda Cadonau

Gianna Olinda Cadonau (*1983) befasst mich mit Kunst und Kultur. Die romanische fördert sie als Kulturverantwortliche bei der Lia Rumantscha, die Graubündnerische als Mitglied der kantonalen Kulturkommission und diejenige für die kleine Bühne als Co-Leiterin des Kulturorts La Vouta, Lavin. Schreibend, singend und Butoh tanzend gibt sie sich ihr auch selbst immer wieder hin. Zwischendurch und währenddessen lebt sie mit ihrer Familie in Chur.

Foto: Yanik Bürkli, Bündner Tagblatt

 

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