Von der Kunst des sinnvollen Aufschiebens

Neulich kaufte ich Weihnachtsgeschenke ein. Es sind Bücher. Ich kaufte sie schon jetzt, einen ganzen Monat vor dem grossen Fest. Was ist bloss los mit mir, fragte ich mich. Denn eigentlich bin ich ein Mensch, der Dinge gerne auf den letzten Drücker erledigt. Am Nachmittag des 24. Dezembers durch das Dorf zu laufen, um noch schnell ein paar Geschenke zu kaufen, meist etwas Essbares, ist mir zur liebgewonnenen Gewohnheit geworden.

Viele Leute schieben Dinge vor sich her, zumindest die unangenehmen wie zum Beispiel das Ausfüllen der Steuererklärung. Auch dafür habe ich eine Strategie entwickelt. Ich warte jedes Jahr, bis ich den Mahnbrief erhalte, der mir sagt, dass ich noch 20 Tage Zeit habe, ansonsten drohen Konsequenzen. Erst dann mache ich mir langsam Gedanken darüber und reiche die Steuerklärung genau 20 Tage später ein. Liebe Steuerbehörde, ich möchte hier die Gelegenheit nutzen, um mich für den Mehraufwand zu entschuldigen, den Sie meinetwegen haben, und danke für Ihr Verständnis.

Ich schiebe auch angenehme Dinge vor mir her. Gerade jetzt tue ich es wieder. Es ist Montagvormittag, während ich diese Zeilen schreibe. Am Montagabend ist Deadline für den Blog. Doch ich lese seelenruhig noch News, es war ja Abstimmungswochenende, als endlich anzufangen. Sechs Wochen lang hatte ich Zeit, um diesen Text zu schreiben, doch ich tue es am letzten Tag.

Der Befund ist eindeutig, ich neige zur Prokrastination, wie Aufschieberitis im Fachjargon so schön pathologisch heisst. Ist das problematisch? Dem Namen nach klingt es ja etwa gleich besorgniserregend wie Prostatakarzinom. Auf den ersten Blick passt Prokrastination natürlich nicht in unsere moderne Leistungsgesellschaft, die Selbstoptimierung und Effizienzsteigerung zur Religion erhoben hat. Wer sich gut organisiert und durchstrukturiert arbeitet, ist tendenziell erfolgreicher als ein Chaot, belegen zahlreiche Studien. Aha. Die Frage ist bloss, was man als Erfolg definiert. Trotzdem gibt es eine Fülle von Ratgeberliteratur, um Menschen wie mich vor Prokrastination zu heilen. Dort liest man Tipps wie: Kaufe dir einen Wochenplaner und teile deine Arbeit in überschaubare Einheiten ein. Das funktioniert bei mir etwa gleich gut wie einem Depressiven zu sagen, er solle doch fröhlich sein.

Ein Leben ohne starre Organisationsstruktur kann auch ein Lifestyle sein. Man strebt dabei nach einer Reduktion von Zwängen und grösstmöglicher Freiheit. Klingt gut, oder? Wie jeder ernsthafte Lifestyle birgt auch dieser seine Gefahren und man kann eine Deadline tatsächlich mal verpassen. Darum ist es wichtig, Prokrastination professionell zu tun. Das heisst, das Aufschieben mit sinnvollen Tätigkeiten zu füllen. Also nicht faul herumliegen, auf Facebook verblöden und sich Serien auf Netflix reinziehen, sondern zum Beispiel ein bahnbrechendes Computerbetriebssystem wie Linux entwickeln, was Linus Torvalds während (oder anstatt) seines Informatikstudiums tat. Die Fotosharing-Plattform Flicker entstand ebenfalls aus Ablenkungsbeschäftigungen. Das zeigt, dass Menschen dank ihres aufschiebenden Lebensstils kreativ und erfolgreich sein können.

Eine gute Idee ist, die Welt prokrastinierend ein klein wenig zu verbessern versuchen. Das ist leichter, als du denkst. Du kannst einem geliebten Menschen einen Brief schreiben und ihm sagen, dass du ihn gerne hast. Oder du kannst dir überlegen, welche Menschen du in deinem Leben verletzt hast und wie du dich bei ihnen entschuldigst. Schön ist, wenn du dich danach auch tatsächlich entschuldigst. Das Mindeste, was du als sinnvolle Ablenkung tun kannst, ist die Wohnung aufzuräumen – meine jedenfalls sieht viel ordentlicher aus, seit ich regelmässig Home Office betreibe.

Die Logik hinter der Prokrastination ist die Hoffnung, dass sich Dinge von selbst erledigen, wenn man sie lange genug aufschiebt. Manchmal passiert dies tatsächlich, doch meistens muss man die Dinge, wie etwa diesen Text schreiben, trotzdem erledigen. Immerhin konnte ich in den Ablenkungspausen etwas Zusätzliches tun: meinem Freund in Indonesien endlich wieder mal eine E-Mail schreiben. Und ich konnte mich bei der Steuerbehörde entschuldigen und meinen Liebsten verraten, dass sie dieses Jahr ein anderes Weihnachtsgeschenk als üblich erhalten.

 

 

Franco Furger

Franco Furger, 1974 geboren, ist in Pontresina aufgewachsen. Er maturierte am Lyceum Alpinum Zuoz und tourte als Profi-Snowboarder um die Welt. Später liess er sich zum Journalisten ausbilden. Er arbeitete als freier Texter, Medienkoordinator bei Swiss Ski, Redaktor bei der Engadiner Post, World Cup Organisator und Mediensprecher der Corvatsch AG. Im Sommer 2017 war er als Segantini-Hüttenbub und -Blogger tätig. Inzwischen arbeitet Franco wieder im Tal, er ist freischaffender Texter bei Cloud Connection und bloggt neu über Lifestyle-Themen.

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