Ein dickes Kopfkissen lässt so manche Strapaze vergessen.

Vom Verlassen der Komfortzone

Wie ja allseits bekannt ist, verreise ich gerne und kombiniere diese Reisen mit Wettkämpfen oder Abenteuern. Kürzlich war ich in Chile und habe dort den höchsten Vulkan Südamerikas und der Welt bestiegen.

Im Vorfeld habe ich mir viele Gedanken zum Gepäck und Equipment gemacht. Da ich gerne leicht und minimalistisch unterwegs bin, wollte ich nur das Notwendigste einpacken. Bei der Vorstellung, 14 Tage im Zelt oder in kleinen Berghütten zu übernachten, kam ich dann aber doch auf die Idee, mir einen kleinen Luxus in Form meines Daunenkopfkissens zu gönnen. Und die kleine Bettflasche für die kalten Füsse sollte auch mit. Zudem eine extradicke Isomatte, so dass ich weich gebettet bin. Ein kleiner Luxus, der das spartanische Leben auf Rucksackreisen doch etwas versüsst. Meine Kleidung und das Equipment packte ich in eine große Tasche, und auch das Mountainbike wurde in Einzelteilen in einem Packsack verstaut. Als alles im Auto verstaut war, ging ich nochmals durch die Wohnung und wunderte mich ein wenig: Es machte nicht den Anschein, dass auch nur irgendetwas fehlte. Selbst an der Garderobe hing noch eine grosse Auswahl allerlei Allwetterjacken und im Schrank stapelten sich die Anziehsachen wie in einem Warenhaus. Doch der wahre Luxus sollte mir erst bei der Rückkehr so richtig bewusst werden.

In Chile fuhr ich fünf Tage mit dem Mountainbike rund 350 Kilometer durch die Wüste bis auf eine Höhe von 4500 Metern. Den restlichen Teil bis auf 6830 Meter wanderte ich im Schneckentempo. Ich übernachtete im Zelt oder in südamerikanischen Cabanas, die mir für kurze Zeit etwas an Kostbarkeiten des alltäglichen Lebens zurückgaben: ein weiches Bett, Leinentücher und ein Tisch mit Stühlen zum Sitzen. Man muss sich auf ein solches einfaches Leben einlassen können, damit man im Nachhinein die Dinge zu schätzen weiss, die im luxuriösen Alltag alltäglich sind. Wem ist es zuzuschreiben, dass jede Wohnung, jedes Haus eine eigene Toilette hat? Was ist es für ein Luxus, in der Nacht nicht mühsam aus dem Schlafsack zu kriechen, warme Sachen anzuziehen, zwei Etagen nach unten zu stapfen, um sich dann draussen in der Kälte abseits der Hütte einen Platz für die Notdurft zu suchen? Sicherlich ist ein atemberaubender Sternenhimmel eine kleine Entschädigung für die nächtliche Plackerei. Aber ganz ehrlich, diesen Anblick tausche ich gerne ein. Aber der Mensch ist ja ein Gewohnheitstier und nach ein paar Mal Übung hat er den neuen Ablauf auch schnell verinnerlicht.

Es ist auch ein Stück weit Erdung, Loslassen und sich Fallenlassen. Man kann die Dinge ja eh nicht ändern und vor allem hat man sich diese Art des Reisens und des Seins ja selber ausgesucht. Also bleibt auch eigentlich keine Zeit sich über den fehlenden Luxus Gedanken zu machen.

Es lohnt sich immer, die Komfortzone für einen Moment zu verlassen. Neue Erfahrungen bereichern und lassen einen den Blickwinkel auf die alltäglichen Dinge verändern. Die Gewissheit, dass die eigene Komfortzone ja nicht weit ist, ist ja auch schon Luxus an sich.

Wieder zu Hause in meiner Wohnung angekommen, ist es der reinste Wohlstand, fliessendes Wasser, eine Dusche, Toilette und ein weiches Bett mit Dauenbettdecke zu haben. Ich lasse mich mit Wohlbefinden in die Federn fallen, lasse die Seele baumeln und bin dankbar, dass ich die Komfortzone für einen Moment verlassen habe, um die kleinen Dinge des Alltags wieder zu schätzen.

Anne-Marie Flammersfeld

Anne-Marie Flammersfeld ist Diplom-Sportwissenschaftlerin und Ultraläuferin.

2012 konnte sie als erste Frau der Welt alle vier Rennen der "Racing the Planet 4 Deserts Serie" gewinnen und lief 1000 Kilometer die vier grössten Wüste der Welt. Seitdem sucht sie immer wieder neue sportliche Herausforderungen im Wettkampf und in eigenen Projekten, wie „Bottom Up Seven Volcanic Summits“. 2015 konnte sie u.a. einen neuen weiblichen Speed-Run-Weltrekord auf den Kilimandscharo aufstellen. Zudem hält sie weitere Streckenrekorde u.a. beim Nordpol,- und Volcanomarathon.

Mit ihren Wettkämpfen unterstützt sie die Stiftung „Paulchen Esperanza“, die sich für benachteiligte Kinder in Schwellenländern einsetzt.

Die 37 jährige deutsche Sportlerin arbeitet mit ihrem eigenen Unternehmen all mountain fitness als Personal Coach im schweizerischen St. Moritz. Sie hält regelmässig Vorträge zu Themen aus den Bereichen Motivation, Begeisterung, Erfahrung sammeln und Grenzen überwinden.

www.allmountainfitness.ch

annemarieflammersfeld.blogspot.com

 

Die Kommentarfunktion ist für diesen Artikel deaktiviert.

0 Kommentare