Foto: Romana Ganzoni

Die Schwalben kommen bald

Der Winter kommt wie eine Ohrfeige, mit einem Chlapf Schnee, über Nacht. Hauswände vibrieren, die Räumungsmaschine ist der neue Wecker. Und dann, irgendwann, Ende März, naht die Lücke, das was die Hochsaison von der Hochsaison trennt, das Dazwischen, wenn der Mensch wie ein Esel vor dem Berg steht und wartet – oder im gestreckten Galopp nach Italien abhaut. Der Winter franst aus, er klebt an den Rändern der neuen Saison, für die es keinen kräftigen eigenen Namen gibt, nur Präpositionen zum Wort Saison - zwischen, neben, vor, nach - mid saison nennen das die Engländer, oder off saison, das klingt nach Schalter: on and off. Lichter löschen?

All jene, die sich ästhetische und geistige Freuden leisten, die sich dem Ungenutzten, ja Nutzlosen hingeben, gehen im Dazwischen gedanklich über alle Berge, sie begegnen sich und der tauenden Landschaft, die Zeit verströmt, mit Humor und Liebe, lassen die Wehmut kommen, sie sind bereit für die Geschichten der Dinge, die vom Leben im Winter und im Sommer wissen. Willig erzählt lädiertes oder poliertes Gerät, Fragment und Rest. Darüber hängt verklungener Kinderjubel, die Erschöpfung der Sportler, die Ruhe des langen Atems. Die Hundekacke trocknet wie Mist, Champagner- und Sirupgläser in der Hotelküche sind leer, und die Schwalben kommen bald.

Der Winter sagt Adieu wie der betrunkene Grossonkel am Familienfest, noch vor Mitternacht will er gehen, er ist verbraucht, er kündigt den Abgang wortreich an. Ja, er wird jetzt gehen, er will gehen - und will nicht mehr aufhören mit dem Verabschieden, klebrige Küsschen, die Krawatte verrutscht, das Toupet wohl auch. Den korallenroten Lippenstift, den er aufgetragen hat, als seine Witze nicht mehr ankamen, den verschweigen wir.

Doch, wer weiss, denken die klügeren Gäste, vielleicht offenbart der schreckliche Grossonkel beim Ausgang ein Geheimnis, etwas Intimes, von dem niemand wissen konnte oder wollte, vielleicht ein Tabu, das längst überlebt ist und trotzdem den klaren Blick der Sippe auf sich selbst verhindert, weil niemand es ausgesprochen hatte? Etwas, wofür der einst so überaus eindeutig dämliche Onkel beim nächsten Fest wärmer empfangen wird, mit dieser kleinen Dankbarkeit - Cousinen, Väter, Schwiegersöhne und Basen, die nicht aus der Zeit gefallen sind, können sie schrägen Verwandten gegenüber durchaus empfinden. Weil nur die Sonderlinge eine Familie wahr und schön machen.

 

 

Romana Ganzoni

Romana Ganzoni ist Autorin. 1967 auf die Welt gekommen. Kindheit und Jugend in Scuol, dann Zürich und London. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Celerina. 20 Jahre Lehrerin am Gymnasium. Literarische Publikationen ab 2013. Erzählungen, Gedichte, Essais, Kolumnen. Nominiert für den Bachmannpreis 2014. Gewinnerin Essay-Wettbewerb Berner Bund 2015. Werkbeitrag Kanton Graubünden. Erzählband „Granada Grischun“ (2017) sowie Roman „Tod in Genua“ (2019) beim Rotpunktverlag, Edition Blau, Zürich.

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