Fotos: Alexandra Wohlgensinger

Am Ende wird alles gut

Seit Monaten hatten wir den Race Roadtrip durch Spanien und Portugal geplant. Ich habe mich für drei Rennen angemeldet, der Van war gepackt. Und dann das: Drei Tage vor der Abfahrt sagt meine Kollegin ab. Grund: Durchfall. «Hm», dachte ich. Wie soll ich denn in drei Tagen ein «Reise-Gspändli» organisieren? Absagen kam nicht in Frage, denn ich brauchte die Punkte der Rennen. Nach einem kläglich gescheiterten Versuch doch noch ein «Reise-Gspändli» zu finden, war es für mich klar: Solo Mission: Ein Mädel, ein Van und zwei Fahrräder – Spanien und Portugal ich komme.

Mein Freund brachte den Van einen Tag vor der Abfahrt noch für einen Service in die Garage. Nicht, dass der Van in Spanien den Geist aufgibt. Doch schon in der Westschweiz blinkte ein oranges Licht auf dem Armaturenbrett. Nach einem Telefonat zu Hause und der Kontrolle in einer VW Garage, schien der Van wieder zu funktionieren. Angekommen in Spanien der Supergau. Das gleiche orange-blinkende Licht, ein weiteres Motoren-Warnlicht, und der Van fiel in einen Sicherheitsmodus. In Barcelona einen geeigneten VW Nutzfahrzeug-Händler zu finden und ihm auf Spanisch das Problem zu schildern, war dann doch eine Herausforderung. Schlussendlich vereinbarten wir einen Termin für den Montag nach dem Rennen.

Die Vorfreude auf das Rennen war gross. Das erste Mal wieder auf dem Bike seit neun Monaten, seit dem Unfall. So sehr ich mich auch darauf freute, ich war nervös. Kann ich den Arm wieder voll belasten? Schaffe ich überhaupt eine ganze Abfahrt? Doch schon beim Training zeigte sich, dass es möglich ist. Ich war einfach nur glücklich, wieder auf dem Bike zu sitzen. Als ich abends mein Bike im Van verstaute, fühlte ich mich einsam. Ich schaffte dies schon, alleine auf dem Road Trip. Doch Glück und Spass sind doppelt so schön, wenn man die Erlebnisse teilen kann.

Mein Qualifikationslauf war gut, etwas verhalten, aber gut. Das Rennen wurde ab einem bestimmten Zeitpunkt allerdings unterbrochen und schlussendlich abgebrochen. Ein Elitefahrer war tödlich gestürzt. Alle Fahrer verliessen nach dem Rennabbruch den Ort und fuhren Nach Hause. Ich aber musste den nächsten Tag und den Termin in der Garage abwarten. Drei Tage dauerte die Reparatur. Grund für die Motorprobleme: Die Garage in der Schweiz, die vor der Abreise den Service durchgeführt hat, hat ein falsches Teil eingebaut.

Wie einer meiner Lieblingssänger «Casper» in einem seiner Songs singt: «Am Ende wird alles gut und wenn es nicht gut ist, ist es auch nicht das Ende.» Und so machte ich mich auf nach Portugal. Als eine Kollegin zufälligerweise von meiner desaströsen Woche erfuhr, entschloss sie sich spontan, zu mir nach Portugal zu fliegen und mich die restlichen zwei Wochen zu begleiten.

Von da an wendete sich das Blatt. Ich hatte wieder jemanden um mich, mit dem ich das Bike- und Vanleben teilen konnte. Wir erlebten viele gute Momente und lachten Tränen.

Als diese Zeit vorbei war, wusste ich wieder, wieso ich all die Strapazen auf mich nahm. Und um «Casper» noch einmal zu zitieren: «Wenn dir das Leben Zitronen schenkt, mach Limonade draus.» Wie gerne mag ich Limonade!

Alexandra Wohlgensinger

«Riding bikes is my life! Du bist mit Deiner ganzen Aufmerksamkeit nur hier und genau in diesem Moment, in dieser einen Sekunde. Alles was gestern war oder später sein wird, ist völlig egal.»

Nachdem ich mir einen Traum erfüllt habe und zwei Jahre lang mit meinem Bike durch die Welt gereist bin, kam ich wieder zurück ins Engadin, um mich auf meine Rennkarriere zu fokussieren.

Letzte Saison hatte ich genügend Punkte um beim UCI Downhill Weltcup mitzufahren. Sich zum ersten Mal mit den besten Downhillerinnen der Welt war eine unglaubliche Erfahrung.

Um dieses Jahr im Weltcup voll durchzustarten und mich voll auf die Rennen konzentrieren zu können, habe ich meine Stelle als Redaktorin bei der Engadiner Post aufgegeben. Gemeinsam mit Katze «Luna» und meinem Freund, der mich als Mechaniker, Coach und Männchen-für-alles» unersetzlich bei den Rennen unterstützt, lebe und trainiere ich in Sta. Maria im Val Müstair.

Und wenn wir mit unserem Van «Verity» nicht gerade an einem Rennen oder im Training irgendwo in Europa sind, dann findet man uns ziemlich sicher in unserer so-quasi Zweitheimat Neuseeland.

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