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Dem Koch nicht in den Topf schauen

Kürzlich bin ich an einer feinen Adresse Essen gegangen. Auf der Speisekarte habe ich vergebens nach in Burgunder geschmorten Kalbsbäckchen gesucht. Ich liebe in  Burgunder geschmorte Kalbsbäckchen. Selbstverständlich habe ich umgehend bei der Bedienung reklamiert. Und ebenso selbstverständlich hat der Koch mit dem Schmoren der Bäckchen begonnen. Er hat sich auch nichts anmerken lassen, als ich ihn in der  Küche aufgesucht habe, um ihm zu sagen, welchen Burgunder er bitteschön verwenden soll zum Schmoren und wie lange das Fleisch in den Topf gehört.
Fake News. Selbstverständlich ist diese Geschichte frei erfunden.

Deal or no deal?
Die nachfolgende leider nicht. Wir entscheiden uns auf der Redaktion im Rahmen eines grösseren Anlasses, mit einer bekannten Persönlichkeit ein Interview zu führen.
Auf unsere Anfrage meldet sich das Sekretariat sehr rasch und erfreut. Selbstverständlich sei das Interview möglich. Unter ein paar Bedingungen allerdings. Erstens gebe es das Interview nur in schriftlicher Form, die Fragen werden vorab zugeschickt. Zweitens erteile die interviewte Person respektive ihr Büro das «Gut zum Druck.» Und zwar im definitiven Layout, einschliesslich Infobox und allen Zitaten. Drittens will man – sofern die Redaktion eigene Bilder macht – bei der Auswahl mitentscheiden. Viertens dürfen diese Bilder in Zukunft uneingeschränkt und kostenlos weiterverwendet werden.
Was machen? Auf den Deal nicht eingehen und so unserem Leser ein vielleicht spannendes Interview vorenthalten? Oder die Auflagen zähneknirschend akzeptieren, in der Hoffnung, dass totzdem etwas Substanzielles rausschaut? Ich entscheide mich für die Option zwei, weil ich überzeugt bin, dass die Person zu einem wichtigen Thema Wichtiges zu sagen hat. Und liege in diesem Fall richtig. Meine Kollegin stellt die richtigen Fragen und die Antworten geben etwas her.

Vertrauen schenken
Zurück ins Restaurant. Würde es Ihnen einfallen, dem Koch in den Topf zu schauen und ihm zu sagen, welche Zutaten er zu verwenden hat oder wie  lange er die Kalbsbäckchen schmoren muss? Wohl kaum. Im Journalismus mache ich diese Erfahrung – wenn auch nicht immer so krass wie in diesem Beispiel –  immer wieder.
Wenn ich ins Restaurant gehe, vertraue ich den Leuten, die dort arbeiten. Dem Koch, dem Sommelier, der Servicefachkraft – weil es ausgebildete Personen mit Berufsstolz sind. Auch wenn die Ausbildung im Journalismus etwas weniger klar und einheitlich geregelt ist: Die Redaktorinnen und Redaktoren der EP/PL verfügen über Fachwissen, kennen die Rechte und Pflichten der Journalisten und sind stolz auf ihren Beruf. Und wer etwas gerne macht, macht es in der Regel auch gut.
Darum: Danke für Ihr Vertrauen.

Reto Stifel, Chefredaktor EP/PL

Redaktion Engadiner Post

Wie geht es auf einer Redaktion zu und her? Inbesondere an einem Produktionstag? Was macht ein Redaktor/eine Redaktorin den lieben langen Tag? Und was braucht es, von der Idee bis zum vollständigen Bericht in der Zeitung? Über diese und weitere Themen lesen Sie regelmässig im Redaktionsblog der «Engadiner Post/Posta Ladina».

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