Foto: Romana Ganzoni

Das sind doch Sie!

Natürlich ist mein Debut-Roman meinem Mann gewidmet, er begleitet mich seit 28 Jahren. Ich verdanke ihm viel, und ich habe ihm viel abverlangt. Er blieb stets stoisch, fand mich statt zickig und mühsam, unterhaltsam und reflektiert, sagte: Eine Frau muss kapriziös sein. Woher nimmt er bloss diese Eleganz? Er hat sie von seinem Vater geerbt. Und der von seinem. Uns verbindet etwas, das weit über die drei gemeinsamen Kinder, hinausgeht. Wir wussten immer, Kinder sind auf der Durchreise, am Anfang und am Ende steht das Paar. Wenn das Glück will. Denn die Liebe ist nicht künstlich am Leben zu erhalten. Sie ist eine Gnade, sie wird gewährt oder abgezogen. Falls sie gewährt wird, gibt es Faktoren, die sie begünstigen, etwas wie Beziehungsarbeit gibt es nicht. Dieses ganze Machbarkeitsgeschwafel: beruhigend, aber unwahr.

Also sonnenklar, dass in meinem Debutroman vorne stehen müsste: per Riet. Obwohl ich Widmungen furchtbar kitschig finde. Diese Zueignung hätte ich trotzdem gewollt, wäre da nicht die ewige Obsession, Texte von Frauen mit ihrer Biographie abzugleichen. Stünde im Buch «per Riet», wir hätten bestimmt schon ein Dutzend Mal beteuern (ja beinahe: beweisen) müssen, dass die Scheidung nicht ins Haus steht. Völlig egal, dass ich die frei erfundene oder besser: gefundene Geschichte eines jüngeren Paars aus Zürich erzähle, sie Opernsängerin, er Mathematiker, ein Paar, das keine Kinder hat, das charakterlich und verhaltenstechnisch weit weg von meiner Geschichte und Realität angesiedelt ist. Aber dieses Paar in Genua hat Probleme! Auch die fehlende Widmung schützte nicht vor der Unterstellung, hier ginge es im Grunde um mich. Einige tönten es an, andere fragten naiv. Einer dritten Gruppe schlüpfte etwas Abwartendes, vielleicht sogar Lauerndes in den Blick. Vielleicht habe ich da auch zuviel hineininterpretiert, weil Insinuierung und Frage mich zunehmend ermüden.

Mir scheint, männliche Autoren sind wesentlich weniger von dieser Gier betroffen, das Autobiographische, Private, Skandalöse, Abgründige im literarischen Text zu finden, sofern sie nicht freiwillig darauf verweisen. Warum ist das so? Ist der vielverehrte, besungene, überhöhte, heiliggesprochene, aber auch geschmähte, herabgewürdigte, verkaufte und missbrauchte Körper der Frau, der unter anderem das Zentrum der menschlichen Reproduktion darstellt und subkutan wohl noch immer dem Natürlichen zugeordnet wird, der Grund, weshalb in den Menschen der Glaube vorherrschen mag, eine Frau sei zu weniger Schöpfertum vorgesehen als der Mann. Ihre Vorstellungs- und Gestaltungskraft, ihre imaginative Potenz müsse deshalb zwangsläufig aus dem selbst Erlebten wachsen? Sie sei eher eine Kraft, die geschickt nacherzählt, als kreiert? Vielleicht. Aber dem ist nicht so. Die Sex-Szene in der Saatchi-Gallery zum Beispiel ist frei erfunden, ich persönlich hatte Sex während einer Ausstellung im Kunsthaus Zürich. Darüber werde ich aber auch in meinem nächsten Buch nichts schreiben.

Romana Ganzoni

Romana Ganzoni ist Autorin. 1967 auf die Welt gekommen. Kindheit und Jugend in Scuol, dann Zürich und London. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Celerina. 20 Jahre Lehrerin am Gymnasium. Literarische Publikationen ab 2013. Erzählungen, Gedichte, Essais, Kolumnen. Nominiert für den Bachmannpreis 2014. Gewinnerin Essay-Wettbewerb Berner Bund 2015. Werkbeitrag Kanton Graubünden. Erzählband „Granada Grischun“ (2017) sowie Roman „Tod in Genua“ (2019) beim Rotpunktverlag, Edition Blau, Zürich.

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