Foto: Jan Schlatter

Für bessere Wanderwege

So schnell sieht man sich wieder, Engadiner Post. Wie Sie ja wissen, bin ich nach meinem EP/PL-Praktikum nach Zürich gezogen. Jetzt berichte ich hin und wieder über meine Erlebnisse in der Stadt. Nach rund zwei Monaten hier unten habe ich mich bereits gut eingelebt. Natürlich bin ich in dieser Zeit in mehrere Fettnäpfchen getreten: Der Zug ist nämlich schon am ersten Tag ohne mich losgefahren. Am zweiten Tag habe ich den Zug dann rechtzeitig erreicht, nur war es der falsche.

In meinem ersten Kapitel erzähle ich Ihnen etwas über meine grösste Angst. Alleine beim Gedanken stellen sich bei mir die Nackenhaare auf. Schweissausbrüche, Herzflattern, Alpträume. Diese Menschen bereiten mir psychischen und finanziellen Schmerz. Diese Menschen nennen sich Spendensammler. Zu finden sind sie häufig an grösseren Bahnhöfen, so wie es auch in Zürich der Fall ist.
Doch beginnen wir am Anfang: Die erste Begegnung mit Spendensammlern hatte ich bereits am Bahnhof in Chur, vor zwei Jahren. Schon aus der Ferne fragte ich mich, wieso diese junge Dame mit der gelben Jacke mich so prüfend anschaute. Ihre Augen waren wie Visiere auf mich gerichtet, als sie mich freundlich anhielt und fragte: «Sorry, wie stohsch du zu Atomenergie?» Naiv wie ich war, liess ich mir natürlich irgendeine Spende andrehen, auch wenn ich damals als Berufsmaturand das Geld eigentlich für anderes gebraucht habe. Viele Passanten gehen einfach ablehnend weiter, aber ich bin ein typischer Ja-Sager. Erzählen Sie mir eine traurige Geschichte, zeigen Sie mir Diagramme oder Fotos und schon bin ich dabei, auch wenn mich das Problem absolut nicht interessiert. Mir ist durchaus bewusst, dass man auch nein sagen kann, aber mein Gewissen lässt es einfach nicht zu.

Ich frage mich, ob es darum geht, dass ich nicht ignorant wirken will, wie jemand, den die Armut und das Elend dieser Welt kalt lassen? Oder habe ich einfach Mitleid mit den Sammlern mit ihrem «ich rette die Welt»-Gesichtsausdruck? Ich weiss es nicht. Aber ich weiss, dass ich ohne eine Strategie gegen diese Sammler bald selber auf Spenden angewiesen sein werde. Aus diesem Grund lasse ich es einfach nicht mehr so weit kommen, dass mich Spendensammler ansprechen. Eher nehme ich einen Umweg von zwei Kilometer in Kauf, packe panisch mein Telefon aus der Hosentasche und spreche mit meinen imaginären Freunden oder drehe einfach um, als mir zehn Minuten lang anzuhören, wie viele Tiere jeden Tag für mein Sandwich sterben müssen oder wieso auch Insekten von Spenden abhängig sind.

Doch dann passierte es: Nachdem meine Strategie für einige Tage funktioniert hat, liess ich den Spendenstand auf dem Nachhauseweg für einen kurzen Moment aus den Augen: «Entschuldigen Sie kurz... .» Raten Sie, wer nach 20 Minuten Gespräch für bessere Wanderwege gespendet hat? Genau: ich. Und dabei wandere ich nicht mal gerne. Meine Strategie muss ich wohl nochmals überdenken... .

Jan Schlatter

Jan Schlatter ist 21 Jahre alt und ehemaliger Praktikant bei der Engadiner Post. Der typische Heimweh-Engadiner wohnt zurzeit aufgrund seines Praktikumplatzes zwar in Zürich, nimmt jedoch immer wieder den Zug in Richtung Scuol. Schreibt er nicht gerade Artikel für ein Onlinemagazin über Familien und Kinder, findet man ihn wahrscheinlich auf dem Eisfeld Trü oder auf Motta Naluns auf der Piste.

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