Die Grossmutter im Nerz

Vor einigen Jahren bezog ich einen sommerlichen Schreibort in Zürich. Zweiter Stock. Im Treppenhaus waren Fellreste des Kürschners gelagert. Ich sah im Vorbeigehen Abschnitte und Fetzen in vielen Farben, natürlich, gefärbt, lange Haare, kurze Haare, dicht, flauschig, flach, kraus. Und da, ein ganzes Fell! Die Hand wollte den weichen Glanz berühren, die Nase wollte daran riechen. Das Material und sein Geruch wirkten stark auf mich ein. Ich gelangte jeweils in höchst ambivalenter, also schreibtauglicher Stimmung an den Küchentisch.

Der Mensch und das Tier. Der Mensch und seine eigene Haut, die er immer retten will. Der Mensch und sein Fleisch (und Blut). Die Felle, die ihm davonschwimmen. Das Fleisch des Tieres, seine Knochen, seine Sehnen, sein Darm, sein Fell, sein konfektioniertes Fell: der Pelz. Der Mann und der Pelz. Prestige, Macht, Besitz, Jägerqualitäten. Der Mann, der seiner Frau einen Pelz schenkt. Die Frau, die sich einen Pelz kauft. Die Frau und der Pelz. Die Venus im Pelz. Der Mensch und sein Fetisch. Der Mensch, der sich nicht nur warm halten möchte in den Wintermonaten, er möchte sich Kraft, Vitalität, Trieb und Eleganz des Tieres einverleiben und über die Schultern legen, sich verhüllen und verwandeln, eindringen ins Natürliche, es umgestalten und sich gleichzeitig damit umgeben. Er möchte näher zu seinem animalischen Kern kommen. Er möchte sich aber vielleicht auch versichern, dass er selbst kein Beutetier ist. Er ist der Chef, der befiehlt, wer Beute ist und wer Räuber. Zu tief die Kränkung, dass der Mensch ursprünglich von Raubtieren gejagt und gefressen wurde.

Pelze sind von der Strasse verbannt. Die Grossmutter im Nerz muss Prügel befürchten? Zumindest in gewissen Weltgegenden. In der Schweiz. Der grosse Appetit auf Pelz wird mit Kunstpelzen bedient, Mänteln, Jacken, Bommeln, Bordüren, Decken, Schuhfutter. Halbwertszeit nicht restlos unbedenklich. Im Gegensatz zu den Pelzen in den Brockenhäusern, in Second-Hand-Läden, auf Estrichen, aber auch in den kantonalen Gerbereien (zum Beispiel vom Fuchs, da der Bestand geregelt wird). Bio-Produkte. Hunderttausende Tiere sind gestorben, ihre Felle, die Pelze sind noch da. Und sollen nun zerstört, verbrannt oder weggeworfen werden? Geschmack- und pietätslos. Die alten Pelze und solche, die aus Notwendigkeit da sind oder von Tieren, die gegessen wurden (wie Lamm- oder Schaffelle, Kaninchen-, Kuh-, Hirsch- und Gemsfelle), sollten gesammelt, behandelt, allenfalls umgearbeitet, gepflegt, mit einem Label kenntlich gemacht und geschätzt werden, parallel zum forcierten Kampf gegen Qual-Zuchten von Pelztieren und Massentierhaltung. 

Romana Ganzoni

Romana Ganzoni (1967 in Scuol geboren) ist Autorin und wohnt in Celerina/Schlarigna. Nach 20 Jahren als Gymnasiallehrerin publiziert sie ab 2013 Romane, Erzählungen, Gedichte, Essays, Kolumnen und Radiobeiträge. Nominiert für den Bachmannpreis. Gewinnerin Essay-Wettbewerb Berner Bund. Werkbeitrag Kanton Graubünden. Bündner Literaturpreis.

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