Foto: Jan Schlatter

«Scuol? Det bini mol ide Ferie gsi»

Na..? Wie sieht es mit Ihren 2020-Vorsätzen aus? Ich wage die Vermutung, dass ein Grossteil von Ihnen Ihre Vorsätze bereits in den «Schnee» gesetzt hat, so wie ich auch. Ich wollte diesen Blog nämlich früh genug schreiben, damit ich ihn pünktlich abgeben kann. Natürlich habe ich es wieder bis auf den letzten Drücker herausgezögert. Auch habe ich mir vorgenommen, weniger in den Après Ski zu gehen und gesünder zu leben. Die Tatsache, dass mir die Idee zu diesem Text mit einem Calanda in der Hand «tanzend» in der Apres-Ski-Bar gekommen ist, lässt erahnen, dass ich diesen Vorsatz auf die 2021-Liste gesetzt habe.

Über Weihnachten hatte ich zwei Wochen Ferien – Zeit um dem grauen Alltag zu entfliehen und ein wenig Zeit im Engadin zu verbringen. In dieser Zeit habe ich natürlich ganz viel gegessen und Zeit mit Familie und Freunden verbracht. Und sonst habe ich meine Ferien eigentlich wie ein echter Tourist genossen, der ich im übertragenen Sinne auch bin: Früh morgens habe ich mich jeweils in übervollen Bus gequetscht, der mich irgendwie an die S-Bahnen in Zürich erinnerte. Nach der Busfahrt ging es zu den Gondeln, wobei mich diese Situation irgendwie an den HB Zürich am Freitagabend erinnerte: Viele Menschen, viel Schweizerdeutsch und ich mittendrin: «Bloss auf kein Kind trampeln». Der erste Unterschied zeigte sich nach der Gondelfahrt, als die ersten Sonnenstrahlen bereits früh morgens die Haut berührten und nicht erst um 13 Uhr nachmittags, wenn der Nebel endlich verschwindet.

So ging es Tag ein Tag aus, bis der letzte Tag doch noch gekommen ist: Am letzten Sonntag meiner Ferien bin ich wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgekehrt und habe mich auf den Weg nach «unten» gemacht, ins Unterland. Während ich auf dem Boden sass, weil der Zug voll(er) Touristen war, deren Skier und Stöcke bei jeder Kurve quer durch die Abteile geflogen sind, habe ich die Ferien noch einmal Revue passieren lassen. In Gedanken war ich im Engadin, als der Zug in jedem Kaff hielt und noch mehr Menschen eingestiegen sind. Einige davon erkenne ich jeweils wieder, wir lachen uns manchmal an, aus Mitleid? Wahrscheinlich schon.

Viele Gesichter im Zug hatten an diesem Sonntagabend das typische kein-Bock-Gesicht. Mich schliesse ich dabei mit ein. Aber warum? Sollten wir nicht froh darüber sein, dass wir die Möglichkeit haben, das ruhige und in gewissen Jahreszeiten auch langatmige Engadin zu verlassen und es trotzdem besuchen zu können, wann wir wollen? Andere können das Engadin nur wenige Wochen im Jahr geniessen und sind nicht so privilegiert wie wir. Packt uns manchmal doch das Heimweh, lässt sich zudem bestimmt jemand finden, mit dem man über die Heimat reden kann. Das habe ich beispielsweise beim Weihnachtsessen in meinem neuen Betrieb am eigenen Leib erlebt: So staunte ich nicht schlecht, als Scuol bei den meisten meiner  Kollegen mehr als ein Begriff war: «Ich war letztes Jahr dort und bin mit dem Buschauffeur xy nach S-charl gefahren», «Wir haben in Scuol ein Ferienhaus», «Kennst du den Mann mit der Eule aus Ftan?» Für einen Moment habe ich gedacht, ich wäre «im falschen Film», als auf einmal mit Fakten rund um das Engadin herumgeworfen wurde, von denen ich nicht mal wusste, dass sie existieren.

Aber jedenfalls kann ich nun getrost sagen, dass ich mit meinen Mitarbeitern täglich ein Stück Heimat geniessen und mich so noch mehr auf die nächste Rückkehr ins Tal freuen kann. 

Jan Schlatter

Jan Schlatter aus Scuol hat seine ersten journalistischen Erfahrungen als Praktikant bei der Engadin Post gemacht. Seitdem versucht er sein berufliches Glück ausserhalb des Tals. Regelmässige Besuche der heimischen Berglandschaft sind bei ihm jedoch fest im Terminkalender verankert. Bei diesen findet man ihn wahrscheinlich auf den Skiern, in Wanderschuhen oder auf dem Curlingfeld.

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