Foto: Ursula Schindler

Können Murmeltiere Covid-19 übertragen?

Ganz ehrlich. Warum lesen Sie jetzt diese Zeilen? Glauben Sie im Ernst, dass die putzigen Alpennager üble Virusträger sein könnten? Dass sie bei einer unvorsichtigen Fütterung im Sommer auf einer lauschigen Alpwiese Covid-19 übertragen können? Offen gesagt, wir in der Redaktion haben keine Ahnung, ob das möglich ist. Soweit wir wissen, ist noch niemand auf die Idee gekommen das wissenschaftlich zu dokumentieren. Wie auch? Die Tiere waren und sind zum Teil noch im Winterschlaf in ihren Höhlen. Da gestaltet sich eine Untersuchung bezüglich eines Vireninfektes vermutlich sehr umständlich. Und bevor sich die Tiere zu dem langen Nickerchen hingelegt haben, gab es das Virus hier noch nicht. Die Redaktion der EP/PL verzichtet in diesen Zeiten bewusst auf eben solche reisserischen Titel und die dazu gehörenden Schwachsinnsmeldungen. Andere Redaktionen und deren Journalisten sind da deutlich schmerzfreier. Was konnten wir nicht alles lesen in den letzten Wochen: «Hund in China von Corona befallen!», «Coronavirus bei Katzen nachgewiesen, das sollten Sie nun wissen!», «Tiger und Löwe in New York infiziert!». Was kommt als nächstes? «Qualle in Venedig positiv getestet!», «Wüstenagame in Mauretanien ernsthaft an Corona erkrankt!». Was zum Geier, den Bartgeier könnte man übrigens auch noch testen, treibt diese Journalisten an? Und wieso ist jeder, der die Worte Pandemie und Virusinfektion einigermassen fehlerfrei buchstabieren kann, plötzlich ein Experte in Sachen Coronavirus?
Natürlich ist Corona auch in unserer Redaktion täglich Thema. Sollen wir schon wieder eine Corona-Geschichte drucken? Oder kann unsere geschätzte Leserschaft derartiges schon lange nicht mehr sehen und hören? Es ist tatsächlich schwierig in diesen Tagen journalistisch einen Bogen um dieses Thema zu machen. Ausserdem fehlt in der Redaktion, wegen der allgemeinen Verweisung des Grossraumbüros auch ein wenig der gegenseitige Austausch. Wenn die Kommunikation nur noch über Telefon in die verschiedenen Homeoffices funktioniert, leidet die Kreativität. Nur so lässt sich zum Beispiel erklären, dass bei der Frage der Gestaltung der Frontseite der Osterausgabe tatsächlich ganz kurz darüber diskutiert wurde, ob wir nicht auch einen Schoggihasen mit Gesichtsmaske abbilden sollten …
Persönlich bedauere ich in diesen Tagen, dass die EP/PL keinen Auslandsteil hat. Zu gerne würde ich meine Meinung über einen Jair Bolsonaro, der sein Land gerade ins Mittelalter zurück führt, kund tun. Auch dem selbsternannten weissrussischen Virenexperten und Hobby-Diktatoren Lukaschenko, der von Covid-19 nichts wissen will, weil er es beim Eishockeyspielen nicht sehen kann, würde ich gerne meine Meinung geigen. Und selbstverständlich müssten ein paar Zeilen über die tägliche Muppet-Show im Weissen Haus in Washington DC in die Zeitung. Man darf übrigens gespannt sein, wann die erste Meldung eintrifft, dass sich ein verzweifelter Amerikaner, auf Mister President’s kreativen Rat «Licht killt Virus» hin, beim Versuch sich eine Taschenlampe in die Vene zu stopfen, schwer verletzt hat.

Redaktion Engadiner Post

Wie geht es auf einer Redaktion zu und her? Inbesondere an einem Produktionstag? Was macht ein Redaktor/eine Redaktorin den lieben langen Tag? Und was braucht es, von der Idee bis zum vollständigen Bericht in der Zeitung? Über diese und weitere Themen lesen Sie regelmässig im Redaktionsblog der «Engadiner Post/Posta Ladina».

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1 Kommentare

Corinna

31. Mai 2020

Genial. Mir aus dem "Journalistinnenherzen" geschrieben... Den Hinweis auf das Mittelalter finde ich sehr treffend... nur war im Mittelalter die Natur noch intakt... Und um CovidCorona doch noch zu erwähnen: Das Virus sollte diverse Staatsoberhäupter "befallen" und für einige Jahrzehnte ausser Gefecht setzen...