Foto: Daniel Zaugg

Von glasklaren Quellen

Die Quelle des Inns liegt etwas oberhalb des Lunghinsees. Klar und unverbraucht gurgelt hier das Wasser und schlängelt sich talabwärts, fliesst durch kleinere und grössere Seen, wird von Nebenflüssen gespiesen, überwindet im Unterengadin die Landesgrenze und mündet schliesslich bei Passau in die Donau.

Was hat die Innquelle mit einem Redaktionsblog zu tun? Ganz direkt nicht viel. Denn in diesem Text geht es um die journalistischen Quellen. Um die Frage also, wer mir was zu einem bestimmten Thema sagt. Wer steht mit Namen zu seinen Aussagen und darf in meinem Text zitiert werden? Wer vermittelt mir lediglich Hintergrundinformationen und damit Material für weitere Recherchen? Oder: Wer will mich als Journalisten lediglich als Instrument nutzen, um seine Partikularinteressen durchzusetzen? Anonym selbstverständlich.

Der Umgang von Journalisten mit Quellen ist in zahlreichen Lehrbüchern ausgiebig beschrieben und auch ein wesentlicher Bestandteil der «Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten», zu welchen sich auch die Redaktion der EP/PL bekennt.

Doch zwischen dem Wissen, wie man es machen sollte und der richtigen Umsetzung klafft oft eine grosse Lücke. Davon sind auch Qualitätsblätter nicht ausgenommen. Kürzlich habe ich einen Artikel über ein Sachgeschäft gelesen, welches in Bern in den Eidgenössischen Räten traktandiert war. Da wusste ein Nationalrat, «welcher seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will», Internas aus einer Kommissionssitzung zu erzählen. Eine «mit den Abläufen in Bundesbern eng vertraute Person» bestätigte den Sachverhalt. Ein Bundesangestellter «mit vertieftem Einblick in das brisante Sachgeschäft» konnte zusätzliche Ergänzungen anbringen. Und die Absolution für die journalistische Recherche erteilte ein «normalerweise gut dokumentierter Informant mit besten Beziehungen in das Departement von Bundesrat Guy Parmelin.» Stand so in der Zeitung. Eine Quelle aus Fleisch und Blut mit Namen und Funktion habe ich im ganzen Artikel keine einzige gefunden.

Da kommt mir sofort der Taxifahrer in den Sinn, welcher über Jahrzehnte quasi die Stimme des Volkes war. Er durfte seine Meinung in unzähligen journalistischen Texten kundtun. Nicht zu den schlechten Arbeitsbedingungen seines Berufsstandes oder zu pöbelnden Kunden. Nein, nichts weniger als seine Meinung zur Weltpolitik war gefragt. Sei es zum Rebellenaufstand, zum Atomwaffensperrvertrag oder zum Nahostkonflikt – auf den Taxifahrer als journalistische Quelle war Verlass. War, denn die Macht dieser Berufsgruppe scheint massiv zurückgegangen zu sein. Wohl nicht weil es auf dieser Welt weniger Taxifahrer gibt, nein das Internet hat die «Täxeler» verdrängt. «Taxifahrer waren für die Journalisten die Netzgemeinde in einer Zeit, als es noch keine Netzgemeinde gab», schrieb die Autorin in der «Frankfurter Allgemeine» vor wenigen Jahren treffend. Statt «Wie Taxifahrer Raoul Vergas auf dem Weg vom Flughafen in die Innenstadt von Barcelona sagte», heisst es heute «Kontrovers in der Community diskutiert wird gerade...».

Beiden Quellen gemeinsam ist, dass sie anonym, nicht überprüfbar und darum eigentlich untauglich sind.

Im Lokaljournalismus, wie ihn die «Engadiner Post/Posta Ladina» pflegt, taugen solche Quellen sowieso nichts. Welcher Journalist ist hier schon mit dem Taxi unterwegs? Und wenn im Gemeinderat von St. Moritz ein Geschäft traktandiert ist, finden die Informationen im Normalfall nicht über den Latrinenweg zum Journalisten. Hier, wo jeder jeden kennt, würde das Ausplaudern von Internas früher oder später sowieso auffliegen. Also bleibt die gute alte Recherche und das Zitieren von Quellen, die so glasklar sind wie der Inn an seinem Ursprung oberhalb des Lunghinsees.

Reto Stifel

reto.stifel@engadinerpost.ch


Redaktion Engadiner Post

Wie geht es auf einer Redaktion zu und her? Inbesondere an einem Produktionstag? Was macht ein Redaktor/eine Redaktorin den lieben langen Tag? Und was braucht es, von der Idee bis zum vollständigen Bericht in der Zeitung? Über diese und weitere Themen lesen Sie regelmässig im Redaktionsblog der «Engadiner Post/Posta Ladina».

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