Zurück in der fremden Heimat

Ich habe eine geduldige Nachbarin. Seit ich wieder in der Schweiz wohne, habe ich schon einige Male bei Babs, wie sie hier in Bern alle nennen, geklingelt. Denn: Ich brauchte Rat. Vieles ist natürlich im Internet zu finden: Altpapier (schön gebündelt, nicht lose, bis 7.00 Uhr am Strassenrand) wird am Mittwoch gesammelt, die Bibliotheken sind für Kinder gratis («bringen Sie Ihre Niederlassungsbewilligung mit») und bezüglich Nachhaltigkeit und Energiesparen bin ich auch aufdatiert und kann zwischen  Solarstrom  oder Wasserkraft-Strom wählen – wenn ich das richtig verstanden habe. Dank der Webseite der Stadt Bern weiss ich nun auch, wo ich mich anmelden müsste, um einen Schrebergarten zu bewirtschaften («Onlineformular, Wartezeit wahrscheinlich»). Es ist schon sehr praktisch, das Internet. Doch die ganz essentiellen Informationen für Neuankömmlinge gibt es dort nicht. Die gibt es nur bei Babs oder Sandra oder Anisha. Die sind informell erhältlich: Einen vertrauenswürdigen Zahnarzt, eine Hausärztin, die noch neue Patienten aufnimmt. Oder: Wo einer gut Haare schneidet, wo guter Käse verkauft wird? Sandra, eine andere Nachbarin, hat mir verraten, wer den leckersten Früchtekuchen mit knusperig-festem Boden bäckt und wer der beste Metzger ist in der Gegend. Ich werde ihr fürs Teilen dieser himmlischen Geheimnisse ewig dankbar sein.

Als ich vor zehn Jahren aus dem Engadin nach Singapur umgezogen bin, hatte ich grosses Glück. Denn im Stadtstaat lebt eine grosse Swiss-Community und die konzentriert sich – naturgegeben – an der Swiss School. Bei den an internationalen Schulen üblichen Coffee-Mornings – die etwas hippere Bezeichnung für ein Kafichränzli – geht es genau um solche Fragen: Welcher Chinese hat das frischeste Gemüse? Wo finde ich Rivella (beim Schweizer Metzger Huber), wo Dinkelmehl (im Deutschen Laden), wer kennt einen guten Kinderarzt oder ein vertrauenswürdiges Reisebüro? Natürlich wurde an diesen Kafichränzli  auch über die zu strengen Lehrer und  über faule Haushaltshilfen hergezogen oder die neusten Shops verhandelt, um sich die Fingernägel zu verlängern oder intime Stellen zu enthaaren. Man nimmt hier einfach die Infos mit, die einem relevant erscheinen.

In Expat-Kreisen, und da zählten wir auch als Journalisten dazu, sind solche informellen Kontaktenetze, die man sich im normalen Leben selber und über längere Zeit aufbaut, meist schon vor-installiert. Denn: Die meisten bleiben gar nie so lange an einem Ort, als dass es ihnen gelingt, selber ein verlässliches persönliches Netz aufzubauen. Die Schulen sind hier Katalysatoren. Jedes Mal, wenn wir wieder in ein neues Land gezogen sind, hat sich die Class-Mum um uns gekümmert. Diese Frauen, oft eine Mutter eines Klassengspändlis, hat uns ihre Handy-Nummer gegeben und uns mit anderen Familien vernetzt. Ein Service, den ich das erste Mal etwas erstaunt zur Kenntnis nahm und inzwischen sehr schätze. Besonders wichtig sind solche Verbindungen in Ländern, in denen man die Sprache nicht spricht. In der Türkei half mir zum Beispiel eine Mutter aus der Klasse unseres Sohnes, mit dem Vermieter den Wohnungspreis herunterzuhandeln. In Indien kam Miel, die später meine Freundin wurde, mit mir zum Schneider, der nur Marathi sprach. Denn indische Kleider von der Stange kriegte ich mit 179 Zentimeter Körperlänge keine.

Nun bin ich  wieder zurück in der Schweiz, in meiner Heimat. Und doch fühle ich mich ab und zu noch etwas fremd: Dann zum Beispiel, wenn unser Sohn heimkommt und erzählt, dass die Datenschutzregelungen es nicht erlauben, dass es so etwas wie eine Klassenliste gibt. Wenn er sich verabreden will, muss ich zuerst Detektiv ähnlich die Telefonnummer der anderen Familie recherchieren. Denn: Kaffeechränzli für Eltern gibt es hier natürlich keine. Braucht es auch nicht. Man kennt sich ja seit dem Kindergarten und alle wissen, wer guten Fisch verkauft, welcher Fussballclub noch Kinder aufnimmt, wo man am sichere Schlauchboote für die Aarefahrt mietet.

Zum Glück gibt es so grosszügige Menschen wie Babs, Sandra oder Anisha. Ohne ihr wertvolles Wissen wäre ich noch fremder in meiner Heimat.

 

Ruth Bossart

Ruth Bossart lebt mit ihrem Mann und Sohn Samuel seit diesem Frühjahr in Bern. Zuvor berichtete sie für das Schweizer Fernsehen aus Indien. Laufen, Ski- und Velofahren gelernt hat Samuel in Pontresina und Zuoz, bevor die Familie 2010 nach Singapur und später in die Türkei zog. Jedes Jahr verbringen die Drei aber immer noch mehrere Wochen im Engadin – nun nicht mehr als Einheimische, sondern als Touristen.

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