Sightseeing mit Masken: Wenn der Abstand nicht eingehalten werden kann, kommt in Venedig die Maske zum Einsatz, auch im Freien. Foto: Samuel Bossart

Sind die Italiener die besseren Schweizer?

Die Italiener haben einfach ein Flair für Fashion. Sogar in Zeiten des Notstandes und von ausserordentlichen Lagen: Kaum ein Land bietet eine solche Vielfalt an Designs, wenn es um Masken geht. Als ich kürzlich in Venedig war, kamen gerade die bordeaux-goldenen Stoffmasken mit dem Wappentier der Lagunenstadt in die Läden. Ob verordnet oder nicht, die meisten Matrosen auf den Vaporetti trugen sie und es sah hübsch aus. Ich entdeckte auch eine Frau, deren Maske mit dem Mäntelchen ihres Rehpinschers harmonierte. Und eine ältere Dame hatte ihre mit glitzernden lachsfarbenen Pailletten verziert. Ich weiss zwar nicht, wie eine solche mit 60 Grad oder mehr gewaschen werden kann. Aber ausgesehen hat es sehr edel. Dass unsere südlichen Nachbarn oft eleganter unterwegs sind als wir in Helvetien, dürfte unbestritten sein. Doch das ist ein anderes Thema.

In Norditalien hat Corona nicht nur ein neues Mode-Accessoire geschaffen. Die dramatischen Erfahrungen mit dem Virus haben eine derart nachhaltige Wirkung, dass niemand mehr ohne Mund- und Nasenschutz in einen Laden geht oder ein öffentliches Verkehrsmittel besteigt. Klar, das ist rechtlich verordnet, werden Sie jetzt einwenden. Aber wir kennen sie ja, unsere Nachbarn. Verbote und Gebote haben es nicht immer einfach. Doch mit Corona ist alles anders: An jeder Bahnstation wird vor dem Einsteigen in einen Intercity-Zug die Temperatur gemessen und niemand wagt sich in einen Laden ohne Schutz. Klar auch, dass es niemandem in den Sinn käme, sich einem Frühstücksbüffet maskenlos zu nähern. Ich habe den Eindruck, dass die sonst eher flexiblen Italiener das Masken- und Abstandhalten aus Überzeugung befolgen. Fast jeder kennt jemanden, der am Virus gestorben ist – eine Art kollektives Trauma, ein Schock, der unsere Nachbarn zu absolut pflichtbewussten Maskenträgerinnen und Abstandhalter mutieren liess.


Ganz anders die Situation in der Schweiz. Wir haben wieder einmal Glück gehabt und kamen mit einem blauen Auge davon. Denn: Nie wurden die Spitalbetten knapp und es hatte immer genug Platz in den Krematorien.

Darum war ich wohl eine Art Aussätzige, als ich mir in vollen Zügen schon vor der Pflicht eine Maske umband. „Ich würde nie freiwillig ein solches Sch... -Ding tragen“, sagte mir einmal einer. „Ich habe keine Angst. “ Nachdem die Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr eingeführt worden ist, hat sich das geändert. Nun sind plötzlich diejenigen ohne Maske jene, welche missbilligende Blicke und manchmal auch Schelten abbekommen. Doch kaum aus dem vollen Zug auf das noch vollere Perron in die völlig volle Unterführung und die Maske wird vom Gesicht gerissen und die Reisende taucht ins Bad der Menge ein. Corona hin oder her.

Ähnliches erlebt dieser Tage, wer im sehr vollen Engadin unterwegs ist. Zum Beispiel beim Einkaufen. Abstandhalten beim Anstehen vor der Kasse geht vielleicht noch. Schliesslich gibt es die gelben Kleber zur Orientierung. Distanzhalten beim Einpacken aber ist schon schwieriger. Denn wer will schon eine Maske tragen oder aber abwarten, bis die Person vor ihr fertig eingepackt hat, so dass die Urlauber - in den Ferien aber super busy - endlich ihre Lebensmittel behändigen können? Kaum jemand – auch die älteren Menschen nicht, die eigentlich zur Risikogruppe zählen. Am Frühstückbuffet in den Hotels das gleiche Bild: Nur Vereinzelte mit Masken, während das Personal - auch hinter den Kulissen – zehn Stunden täglich mit Mundschutz schuftet und schwitzt, weil medizinische Erkenntnisse klar belegen, dass Maskentragen nicht nur einen selber schützt sondern auch die anderen. Zum Beispiel die Gäste, die sich in einem Restaurant verpflegen oder das Personal, das dort servieren, jene an einer Kasse, an einer Reception oder die, die beim Veloverleih arbeiten.

Dass Maskentragen daher nichts mit Angst, sehr wohl aber mit sozialer Verantwortung zu tun hat, haben hier noch nicht so viele verstanden. Hoffen wir, dass wir es nicht auf eine solch brutale Art und Weise wie unsere südlichen Nachbarn lernen müssen.

 

Ruth Bossart

Ruth Bossart lebt mit ihrem Mann und Sohn Samuel seit diesem Frühjahr in Bern. Zuvor berichtete sie für das Schweizer Fernsehen aus Indien. Laufen, Ski- und Velofahren gelernt hat Samuel in Pontresina und Zuoz, bevor die Familie 2010 nach Singapur und später in die Türkei zog. Jedes Jahr verbringen die Drei aber immer noch mehrere Wochen im Engadin – nun nicht mehr als Einheimische, sondern als Touristen.

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