Foto: Romana Ganzoni

Die Sehnsucht nach dem wilden Campieren

Es ist noch früh, kurz nach sieben Uhr, sonntags, ich setze mich mit einer Tasse Kaffee in der rechten Hand aufs Balkönli, mit der linken Hand ziehe ich meine wollenen Schlafsocken über die Knöchel, der Mops schleckt hingebungsvoll daran, ich werde unwillig, grunze und sehe: Die wilden Campierer vor dem Haus frühstücken bereits am Fluss. Das superfreie Wind-im-Haar-Paar, das, gleich nachdem es aufgewacht ist (auf dem Parkplatz vor unserem Garten), mit Badehose und Bikini bekleidet in den eiskalten Fluss rennt, nein, fliegt, um da reinzubrünzeln. Natur zu Natur. Die fühlen sich sicher wie zwei irisierende Seifenblasen, so bunt, so leicht. Und ich? Benutze die Toilette. Konformes Bünzlitum. Da muss was gehen, Romana!, sage ich, und nehme einen Schluck Kaffee.

Das Klapperautöli des naturnahen Paares steht verbeult, arm und grundzufrieden an der Mauer, derweil meine Küche prahlt mit Mixer, Kaffeemühle, elektrisch, alle Schikanen, verschiedene Bratpfannen, Tortenheber, Schaumlöffel (!). Die wilden Campierer hingegen: zwei Unterhosen pro Freudenkind, eine Käserinde, ein Stückchen trockenes Brot, ein Sack Rüebli (Bio), zwei Yoga-Matten, Licht, Liebe, Meditations-Musik, Flow und Flusswasser. Glück! Ich bin angesäuert, und der Mops schleckt wieder an meinem Knöchel. Wann bin ich unterwegs bloss so schrecklich erwachsen geworden? Ich hatte doch auch mal einen Deux Chevaux und ein Puff?

Woran mag es liegen, dass die da draussen so lustig und unkompliziert auf einem öffentlichen Parkplatz leben und ich nicht? Ich glaube, es hat mit dem eiskalten Wasser im En (dt. Inn) zu tun. Die stürzen sich da rein, als wäre nichts. Sie überwinden sich täglich, stellen sich den Naturgewalten, dem Gletscherwasser. Ich hingegen habe es knapp in den Zürich-See geschafft vor einer Woche. Als ich drin war, durchströmte mich etwas, keine Ahnung, was, Stolz vielleicht? Dass ich es in einen 23 Grad warmen See geschafft hatte, nach 30 Minuten Gebet zu Jesus, Maria, allen Heiligen, dem Ochsen, dem Esel, ich visualisierte meine Kinder, deren Vorbild ich vielleicht bin, meine Schwiegermutter, Mann und Mops, den ich mit Taten beeindrucken muss, weil er meine Autorität noch nicht anerkennt. Und dann, nachdem ich all die Blicke im Rücken spürte und noch mehr Gebete, auch zu Neptun, den Nixen und dem Bademeister gesprochen hatte, wagte ich den Schritt, der meinen armen Bauch in den Wellen versenkte, das Wasser war von hellem Smaragdgrün (das muss als Beweis genügen), es war sehr schwierig, ich wäre fast gestorben, aber ich habe es getan. Und nicht nur das!

Tage später sprang ich in den Lej da Staz, in den Stazer-See, einmal bei Sonne, dann bei Regen. Das Wasser: zwischen moosgrün und moorbraun (das muss als Beweis genügen). Und ich schwamm in diesem eiskalten See, der meistens alle Lebewesen sofort tötet, sogar Fische, es waren nämlich nur etwa 20 Grad warm. 20 Grad! Weit unter meiner Körpertemperatur. Aber ich habe es geschafft. Ganz allein. Ich kann jetzt vieles schaffen im Leben, vielleicht sogar Teil eines superfreien Wild-Campierer-Paares mit Wind im Haar und Lotterautöli werden. Wenn ich auch noch die dritte Prüfung bestehe: das Flussbad.

Deshalb rufe ich am Sonntag, kurz nach sieben Uhr nach meinem Mann. Er kommt. Ich teile ihm meine Pläne mit. Nomadischer und attraktiver werden. Im En schwimmen. Jetzt. Angst, ja Panik überwinden. Todesmutig in den Fluss brünzeln. Er sagt: «Wenn du meinst.» Ich meine: Ja! Und schreite, wie immer, zur Tat. Im Bikini (ohne Tuch!) schreite ich zur Haustür, atme tief ein, mit nackten Füssen renne ich zum Fluss, Wind im Haar, strecke einen Fuss hinein – und gehe wieder nach Hause. Nicht etwa, weil ich mich nicht getraut hätte! Ich habe vielmehr etwas ganz Schreckliches gesehen. Das Paar ist gar nicht unkompliziert und frei, sie sind dabei, ihre Karre einzuräumen, jeder Handgriff sitzt, sie sprechen nicht miteinander, arbeiten einzig mit Blickkontakt, ihre Bewegungen: koordiniert, eckig, gehetzt. Unchilliger geht nicht. Ich realisiere: Das sind Roboter. Es ist unmöglich für einen Menschen aus Fleisch und Blut, auf so engem Raum diese sadistische Ordnung zu halten. In deren Leben, die aus Massnahmen besteht, wie ich jetzt weiss, hätte nicht einmal ein spontaner Schaumlöffel-Kauf Platz. Enttäuscht wende ich mich ab und kehre einsam, aber gestärkt, auf meinen Balkon zurück. Der Kaffee ist noch warm. Toll!

Romana Ganzoni

Romana Ganzoni (1967 in Scuol geboren) ist Autorin und wohnt in Celerina/Schlarigna. Nach 20 Jahren als Gymnasiallehrerin publiziert sie ab 2013 Romane, Erzählungen, Gedichte, Essays, Kolumnen und Radiobeiträge. Nominiert für den Bachmannpreis. Gewinnerin Essay-Wettbewerb Berner Bund. Werkbeitrag Kanton Graubünden. Bündner Literaturpreis.

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4 Kommentare

Romana Ganzoni

15. August 2020

Liebe Birgit, wie wundervoll, dass Du hier schreibst! Herzlichen Dank. Der Mops wird Augen machen, auf die Hinterbeine stehen, applaudieren. Das sind meine Erwartung, wenn wir zwei springen. Vom Menschenapplaus zu schweigen. Wir könnten Eintritt verlangen?! Liebe Grüsse, Romana


Romana Ganzoni

15. August 2020

Liebe Sigrid, was für eine Freude, Dein Kommentar! Vielen Dank und viele Runden in Marschlins, im Lej da Staz und überall. Denn da, wo Du Runden ziehst, ist es schön. Herzliche Grüsse, Romana


Birgit Aufterbeck Sieber

15. August 2020

So wunderbar! Das Ziel ist gesetzt: Wir springen zusammen in den Inn, so richtig mit Anlauf. Der Mops wird Augen machen!


Sigrid Engi-vW

12. August 2020

Herrliche Geschichte, den Deux Chevaux haben wir gemeinsam... Mops natürlich auch!

Den Schwum im Lej da Staz habe ich dieses Jahr noch auf der Bucketlist. Das Schwimmbad Marschlins ist momentan schon eine mächtige Herausforderung Liebe Grüße. Sigrid