Tassen sind lehrreiche Objekte und eignen sich nebenbei auch für die Schwarzweiss-Fotografie. Bild: Carla Sabato

Was wir von Tassen lernen können

Wir können sehen, wie eine Tasse vom Tisch fällt und in Scherben geht, aber wir werden niemals sehen, wie sich eine Tasse zusammenfügt und auf den Tisch zurückspringt. Diese Zunahme der Unordnung oder Entropie unterscheidet die Vergangenheit von der Zukunft und verleiht der Zeit auf diese Weise eine Richtung.“ Stephen Hawking

Schön gesagt, Stephen Hawking! Wie befriedigend ist doch der Zustand von Ordnung, und wie schön wäre es doch, wenn wir diese Tasse auf den Tisch zurückhüpfen sehen könnten, während sie sich selbst repariert. Genau so schön wäre es auch, wenn die Tasse einfach auf dem Tisch stehen bliebe und gar nicht erst herunterfallen würde. Dass die Zeit kontinuierlich nur in eine Richtung verläuft und die Unordnung logischerweise zunehmen muss, fiel mir letztens auch auf, ohne dass Herr Hawking mich darauf hätte hinweisen müssen. Bei meiner Tasse handelte es sich allerdings um eine Konferenz. Achtung, hier folgt prahlerische Werbung in eigener Sache: Eine Internationale Konferenz genau genommen, welche im Palais des Nations stattfinden sollte - um meine Teilnahme wusste ich bereits ein Jahr vorher. Über Monate hinweg erfreute ich mich immer wieder an dieser Aussicht und begann bereits mit der Planung des Outfits bevor ich meine Präsentation überhaupt inhaltlich ausgestaltet hatte. Natürlich blieb dieses Ereignis nicht so wie es ursprünglich geplant war. Geht ja gar nicht, wenn wir davon ausgehen, dass die Zeit nicht stillsteht. Würden wir Hawkings Vergleich benutzen, könnten wir die folgenden Ereignisse so beschreiben, als ob wir die Tasse, alias die Konferenz, in Zeitlupe vom Tisch fallen und in viele kleine Scherben zerbrechen sehen.
Zuerst wurde nur der Raum verschoben, aus den Vereinten Nationen in das Gebäude einer Universität. Dann wurden Zuschauer und Gäste in die Onlinewelt verbannt, sodass die Teilnehmer der Konferenz nur unter sich sprechen würden. Dann wurden auch einige dieser Teilnehmer in die Onlinewelt befördert, zusätzlich konnten die verbleibenden nicht mehr im gleichen Raum zuschauen. Dann war nicht klar, ob sich ein Teilnehmer in Quarantäne begeben musste, was zur Folge gehabt hätte dass alle übrigen dasselbe hätten tun müssen. Zwar trat die Quarantäne nicht in Kraft, dafür am Abend vorher ein Lockdown. Also doch alles online. Die Tasse, alias die Konferenz, lag also in Scherben auf dem Boden.

Ein Jahr nachdem ich mich anfing, auf die Konferenz zu freuen, sass ich also in komplettem Businessoutfit alleine an meinem Schreibtisch vor dem Bildschirm. Man hätte meinen können, dass wäre der Inbegriff eines traurigen Tages. Stattdessen, dank des Online-Formats, konnten Zuschauer nun Chatnachrichten schicken, die den Teilnehmern direkt nach Hause geliefert wurden. So las ich also: "The future of the world is in good hands."
Vielleicht, aber auch nur vielleicht, hat sich dieses ganze Chaos doch ein bisschen gelohnt.

Carla Sabato

Carla Sabato ist Studentin, ehemalige Praktikantin bei der Engadiner Post, Hobbyfotografin (liebend gerne in der Dunkelkammer), stolze Vegetarierin, Yoga-Praktizierende, Verfechterin gemässigter Klimazonen, Frühaufsteherin, Hundehalterin, Pragmatikerin, schwarze Rollkragenpullover Trägerin, Teilzeit Existentialistin, Raus-aber-richtig-Frau, schlechte Autolenkerin und Möchtegern-Vancouverite.

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