Heute im Bunker

Bild: Carla Sabato

Perspektivenwechsel sorgen gerne mal für überraschende Blickwinkel. Ist der Perspektivenwechsel aber unterirdisch gemeint und findet der vielleicht sogar unter Ausschluss des Tageslichtes statt, dann können sich manchmal auch beunruhigende Gedanken ins Bewusstsein schleichen. 


«Exgüsi», wie wird man Profisportler?

Das Ergebnis von harter Arbeit und vielem Training: die Gratulationen im Ziel nach einem erfolgreichen Rennen. Foto: z. Vfg

Was macht einen Profisportler beziehungsweise eine Profisportlerin aus? Sind es viele Sponsoren, das intensive und tägliche Training oder doch Mama und Papa, die eine Sportkarriere finanziell und mit ganz viel Engagement unterstützen?


Heiliger Mist

In Indien ist vieles eine Frage der Perspektive – sogar Exkremente sind nicht einfach wertlos.  Und Umweltverschmutzung kann göttlich sein. 

Wir nennen sie Berta. Obwohl wir wissen, dass sie mit Bestimmtheit so nicht heisst. Berta ist eine Kuh und wohnt ganz in der Nähe von uns, mitten in der Millionenstadt Mumbai. Wir sehen Berta praktisch jeden Tag auf dem Weg zur Schule. Mit einem Strick um den Hals kaut sie, vor einem Tempel auf dem Asphalt liegend, ihre Gräser wieder. Gräser? Gräser! Ihre Besitzerin sitzt neben Berta, ebenfalls auf dem nackten Asphalt und bietet Grasbündel feil, welche die Passanten für umgerechnet ein paar Rappen kaufen und dann der Kuh hinwerfen. Dabei bekommt Berta auch noch ein paar Streicheleinheiten. Manchmal füttern die Frauen und Männer auf ihrem Weg ins Büro Berta auch einen Brei aus Korn und Wasser. Das bringt Glück und Segen.

Berta ist eine von zig Millionen von Kühen in Indien. Und Berta ist heilig. Wie alle Kühe. Sie gibt Milch, Dung für das Feuern und den Häuserbau. Sogar ihr Urin ist heilsbringend. Die Kuhpisse wird auch als Getränk angeboten: Gau Jal, heisst ein Softdrink aus Kuhurin, Kräutern und weiteren Zutaten und wird auf Amazon verkauft. Die Kuh soll die Mutter des Universums sein – das glauben die Hindus. Und wer ein solches Vieh füttert, anbetet oder seinen Urin trinkt, verehrt damit auch Gott Krishna. 

Die Hindus feiern viele Götter – und vor allem feiern sie gerne ausführlich: Kürzlich war Ganesha, der Gott mit dem Elefantenrüssel, dran. Er ist einer der populärsten in Mumbai. Tagelang wurde getrommelt, mit lautem Singsang gebetet und gefeiert. Praktisch jedes Haus baute einen prächtigen Schrein. In unserem Haus leerte der Hauswart seinen Geräteschuppen, um für die Gottesfigur und die Opfergaben Platz zu machen. Es wurden Räucherstäbchen gezündet und  nach einigen Tagen begleitet eine fröhlich-laute Prozession die ganze Installation zum Meer. Der Gott aus Plastik plus Holzgestell, Blumenvasen und Opfergaben wurden ins Wasser gekippt. Nicht nur unser. Tausendfach. Am letzten Tag der über einer Woche lang dauernden Festivalperiode versammelten sich Zehntausende am bekanntesten Strand von Mumbai: dem Chowpatty Beach. Wir haben das Spektakel aus der Ferne beobachtet. Hunderte von mannshohen Ganesha-Figuren schaukelten auf den Wellen.  

Als ich am anderen Tag meinen Morgenlauf entlang dem Strand anfing, glaubte ich mich auf einem Schlachtfeld oder im Nachgang eines Wirbelsturms: Überall ragten Teile aus Holz aus dem Meer, dort ein überdimensionaler Götterarm aus Plastik, da ein Wagenrad. Ein Bagger stiess die Götterwracks weiter ins Meer hinein. Am Mittag war die Katastrophe etwas weniger sichtbar: Die Flut hat bereits viele Trümmer in den Ozean geschwemmt.

Im Treppenhaus warnte mich meine Nachbarin, ich solle in den nächsten vier, fünf Wochen keinen Fisch essen. Die Ganesha-Feierlichkeiten würden jedes Jahr ein Massenfischsterben auslösen. Die, welche überlebten, seien stark belastet. Vor allem von den Farben, mit denen die Ganesha-Götter bemalt sind. 

Sie fand das alles wenig schlimm – es geschehe ja im Namen Gottes, so müssen man das sehen, sagte die pensionierte Akademikerin. Wirklich eine Frage der Perspektive also?

Nein, also wirklich!


People of Engadine: Der Promi

Bild: Dominik Brülisauer

Die Geografie formt den Menschen. Und weil das Engadin eine spektakuläre Landschaft ist, ist es nur logisch, dass auch seine Bewohner alles andere als Langweiler sind. Die wichtigsten Typen möchte ich in meinem Blog vorstellen. Meine aktuelle Studie widme ich den Promis.


Untergang, wir küssen dich

Wie die dreimonatige Lulu das Leben der Bloggerin Romana Ganzoni auf den Kopf stellt. Foto: Romana Ganzoni

Wir hatten ein gutes Leben, jetzt haben wir einen Hund. Einen Welpen. Einen Mopswelpen. Eine Möpsin. Drei Monate alt. Sie heisst Luisa. Wir rufen sie Lulu. Rabenschwarz ist sie, mit Nase. Das war uns wichtig. Dass der Mops eine Nase hat. Wie früher. Wie vor 100 Jahren. Erst später wurden Möpse zu flachgesichtigen Schweratmern gezüchtet. Warum eigentlich? Weil es den Hund noch clownesker erscheinen lässt, als sein Naturell es ist? Vielleicht.

So viele Falten! Dieses Grunzen! Das ist doch kein Hund! Das ist eine Mischung aus Ferkel, Katze und Frosch. Wie eigenartig, wie lustig, wie grotesk! Hübsche Damen pflegten sich mit diesen seltsamen Kreaturen porträtieren zu lassen, um ihre eigene Anmut zu unterstreichen. Sie bedachten nicht, dass die Welt nur auf den Mops schaut. Zu dieser Welt gehören auch wir, denn wir schauen seit Kurzem einzig auf den Mops, Wegschauen hiesse: die Katastrophe billigend in Kauf nehmen.

Lulu atmet also frei, so frei wie sie furzt, und sie kann rennen, grade wie ein italienisches Windspiel, die Läufe sind bei den sogenannten altdeutschen Möpsen höher, der Hals ist länger, die Augen geschützt. Alles andere ist beim Alten geblieben, die rasseimmanente Sturheit zum Beispiel. Wenn es regnet, geht Lulu nicht vor die Tür. Sie steht auch bei Sonnenschein plötzlich bockstill in der Fussgängerzone - bis sie aufgehoben wird. Sie macht nach dem langen Spaziergang gutgelaunt ins Haus, fest und flüssig, gerne mehrmals. Direkt neben den Fressnapf des alten Hundes, der sie gutmütig aushält. Als ich letzte Woche im Gang mit dem rechten Fuss auf ihrem Haufen ausrutschte, machte sie neben dem linken Fuss einen frischen Haufen, den ich erst entdeckte, als der Fuss des Mannes darin versank.

Sie klaut meine Socken, beisst knurrend in die nackten Füsse. Sie frisst Katzen-, Mäuse-, Hunde- und Pferdescheisse, leckt mir geräuschvoll das Gesicht ab, dann kneift sie mit ihren Milchzähnchen kräftig in meine Wange. Ich schreie. Sie rennt weg. Vor ein Fahrrad, freudig wedelnd. Vor einen Traktor, erwartungsvoll. An den Fluss. An jeden Abgrund. Sie vertreibt den Kater und frisst triumphierend sein Futter. Sie versteckt sich. Sie nagt an allen Möbeln. Sie nagt an Büchern und zerfetzt Zeitungsartikel, die ich aufgehoben habe. Freund R. sagt, sein Hund habe damals die Gesamtausgabe von Lenin verspeist. Das passt. Denn Welpen errichten eine Parteidiktatur. Sie sind die Partei. Die Partei der freien Fresser, Furzer und Kacker. Mit Nase. Aber ohne Stil und Scham.

Und wir lachen darüber. Manchmal. Wir sind Dienerinnen und Parteisoldaten. Die ganz unten. Die Basis der Pyramide, die Jööö-Sager und Herzig-Finderinnen. Der Rest der Pyramide ist Lulu. Wir dienen und folgen im Laufschritt dem Kindchenschema, mit dem sie uns erfolgreich führt. Nach jedem Akt der Zerstörung, des Verweigerns, des Diebstahls, des Abhauens, der Verschmutzung schaut sie uns mit schräggestelltem Köpfchen zuversichtlich an, und wir geben ihr einen Kuss auf dieses Köpfchen, denn wir wissen: Kein Mensch wird sich je so übertrieben und ausdauernd, wie eine Feder springend und dazu jaulend, über unsere Existenz freuen wie Luisa, the Mistress of Disaster and Celerina, unsere schwarze Diktatorin auf Lebenszeit.

Untergang, wir füttern dich fröhlich weiter.